18.09.2019
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26.06.2019

Politik & Gesellschaft

Was macht die offene Gesellschaft nachhaltig?

Als Karl Popper 1945 sein Plädoyer über „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ vorlegte, stand der Autor unter dem Eindruck von totalitären Systemen. Wenn Stefan Brunnhuber heute sein neues Buch „Die offene Gesellschaft“ nennt, hat sich das Feindbild gewandelt. In einem Streitgespräch zwischen Brunnhuber und Felix Ekardt in der stratum lounge ging es darum, ob uns das Poppersche Konzept heute noch weiterhilft.

Was macht die offene Gesellschaft nachhaltig?

Feinde der offenen Gesellschaft

Die drei heutigen Feinde der offenen Gesellschaft sieht Stefan Brunnhuber in

  • autokratischen Gesellschaften und Staaten, die oft schneller und durchgreifender als offene, demokratische Lösungen umsetzen, die auch im Sinne der Nachhaltigkeit wünschbar erscheinen
  • nationalistischen und populistischen Strömungen, die die Probleme der Nachhaltigkeit umdeuten und ableugnen und ihre Wähler und Sympathisanten mit vereinfachten Antworten gewinnen
  • Großtechnologien, die die technologische Entwicklung dominieren und anderen Wegen und Alternativen die Ressourcen und Experimentierräume abschneiden.
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Dabei schätzt Brunnhuber die Gefahr, die durch Autokratien entsteht, relativ gering ein. Autokratische Systeme lebten nämlich von Voraussetzungen, die sie nicht selbst herstellen könnten. Sie usurpierten und missbrauchten die Errungenschaften offener Gesellschaften und seien letztlich selbstlimitierend. Wenn es nur Autokratien auf unserem Planeten gäbe, so Brunnhuber, wären wir blind gegenüber Nachhaltigkeit, wüssten nichts von der Vernetztheit und Interdependenz der Welt und den planetarischen Grenzen.

Unter philosophischen Aspekten hat allerdings auch die offene Gesellschaft ein Begründungsproblem, denn sie könne sich nicht aus sich selbst heraus erklären und beweisen. Brunnhuber stellt unter Anlehnung an den Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde fest: „Freie Bürger erzeugen die offene, liberale, säkulare Gesellschaft und sie entscheiden gleichzeitig darüber, was eine offene Gesellschaft ist.“ Das sei „irgendwie zirkulär“, aber so bestimmten sich eben die Verhältnisse einer offenen Gesellschaft.

Von der Aufklärungsphilosophie zur Nachhaltigkeit

An dieser Stelle drängt es den Rechtsphilosophen und Soziologen Felix Ekardt einzugreifen, der der Auffassung ist, dass man Karl Popper für die ganze Diskussion eigentlich gar nicht benötige. Popper sei ohnehin fachphilosophisch kaum ernst zu nehmen, allerdings für seine Zeit ein genialer Selbstvermarkter gewesen. Im Grunde gehe es jedoch darum, einen Kantianismus für unsere Zeit zu formulieren. Ekardt meint damit den Versuch, unsere Prinzipien von Freiheit, Demokratie und Menschenwürde als universell gültige Kategorien zu begründen, die letztlich im Vernunftgebrauch verankert sind.

Mit Bezug zur Aufklärungsphilosophie spannt Ekardt dann auch den Bogen zur Nachhaltigkeit. In der Aufklärung habe man damit begonnen, sich darüber Gedanken zu machen, wo die Grenzen dessen liegen, was wir objektiv erkennen können. Dabei sei man zu der grundlegenden Auffassung gekommen, dass man für „Gerechtigkeit“ allgemein gültige und begründbare Standardsaufstellen könne, nicht jedoch für die Frage des „guten Lebens“, die jeder für sich selbst individuell beantworten müsse. In Zeiten der Nachhaltigkeit sei der Gerechtigkeitsbegriff intergenerationell und planetarisch-räumlich auszuweiten.

Wesentliche Unterschiede

Hier ergibt sich dann der vermutlich einzige wesentliche Unterschied zwischen Brunnhuber und Ekardt. Mit Rückgriff auf Popper wertet Brunnhuber „Freiheit“ höher als „Gerechtigkeit“. Anscheinend befürchtet Brunnhuber, dass wir unter dem Etikett „Nachhaltigkeit“ den „imperialen Drang entwickeln, mit unserem Wohlstandsmodell den Rest der Welt zu beglücken“, wie er in seinem jüngsten Buch schreibt. Für Brunnhuber ist eine offene Gesellschaft durchaus „nicht identisch mit Demokratie, Rechtsstaat und eingehegter Marktwirtschaft“. Er kann sich offenbar ein institutionell breiteres Spektrum offener Gesellschaften vorstellen, während Felix Ekardt darauf besteht, dass „Gerechtigkeit im Kantschen Sinne als Richtigkeit einer gesellschaftlichen Grundordnung“ zu postulieren sei.

Die brennenden Fragen der Nachhaltigkeit

Beim Streitgespräch in der stratum lounge wurde auf solche feinen Unterschiede nicht näher eingegangen, weil auch das Interesse des Publikums sich natürlich vor allem auf die brennenden Fragen der Nachhaltigkeit konzentrierte. Und hier sind sich beide Wissenschaftler doch sehr einig. Zum Beispiel was den Grad der realen Bedrohung betrifft. Für Ekardt geht es heute darum, die physischen Grundlagen einer offenen Gesellschaft zu erhalten und Stefan Brunnhuber ist überzeugt, dass dies nur über eine „Wachstumsrücknahme“ in den Wohlstandsökonomien gehen kann.

Und für beide scheint die offene Gesellschaft alleine keine Garantie dafür zu bieten, dass das auch gelingt. Ob wir Wachstumsrücknahme und Verzicht innerhalb einer offenen Gesellschaft „durchstehen“ oder ob wir doch ganz andere institutionelle Rahmenbedingungen dafür benötigen, hält Stefan Brunnhuber für eine offene Frage. Felix Ekardt malt am Ende ein recht düsteres Szenario: „Die Entwicklung läuft wohl weniger auf eine Ökodiktatur hinaus, sondern auf katastrophale Zustände, die dann autoritäre Lösungsversuche nach sich ziehen. In einem finalen Kampf um die letzten Ressourcen wären dann autoritäre Regime wie China besser gerüstet. Vielleicht kommt es dann auch bei uns zu Renationalisierung und autokratischen Strukturen.“ Es ist ein Vernunftargument, aus dem Ekardt angesichts eines solchen Szenarios Hoffnung schöpft, wenn er darauf hinweist, dass eine derartige globale Entwicklung wirtschaftlich weitaus desaströser wäre, als wenn wir heute mit einer moderaten, aber konsequenten Abschwungstrategie begännen.

Der Schlussappell von Stefan Brunnhuber an seine Zuhörer betrifft die Überwindung unseres derzeitigen politischen Rechts-Links-Schemas und der dahinter stehenden Neigung unseres politischen Systems, die Lösung im Streit um die richtige Deutung der Dinge zu suchen. Die erneuerte offene Gesellschaft im Sinne Stefan Brunnhubers hat dieses Schema überwunden und konzentriert sich auf das vielfältige Experiment: „Wenn wir in offenen Gesellschaften leben wollen und das Postwachstumstheorem zum zentralen Theorem einer offenen Gesellschaft werden soll, wird es weniger um die Frage der Deutung gehen – mehr links oder mehr rechts -, sondern es wird eher um die Frage der Praxis gehen. Da spielen zum Beispiel eher neue Technologien eine Rolle oder parallele Geldkreisläufe. Es geht darum, die Dinge anders zu machen und nicht nur anders zu deuten.“

Quelle: UD
 

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