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18.01.2017

Politik & Gesellschaft

„Wir fühlen uns lieber schuldig als ohnmächtig“

Ob nun die geopolitische Lage, die Flüchtlingstragödien oder die Globalisierung und ihre Abkommen − die Welt, wie sie gerade ist, macht vielen von uns Angst. Angst ist bekanntlich eine Emotion und entsprechend hitzig verlaufen hierzulande die Diskussionen zu solchen Themen. Im Gespräch mit dem Psychologen und Bestseller-Autor Stephan Grünewald gehen wir der Frage nach, was uns das Fürchten lehrt.

„Wir fühlen uns lieber schuldig als ohnmächtig“ zoom
Stephan Grünewald ist ein deutscher Psychologe und Geschäftsführer des Markt- und Medienforschungs-Instituts rheingold. Er ist Autor von Bestsellern wie „Deutschland auf der Couch“ sowie „Die erschöpfte Gesellschaft“. „Der Psychologe der Nation“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) führt am rheingold Institut jedes Jahr mehr als 5.000 Tiefeninterviews zu aktuellen Fragen aus Markt, Medien und Gesellschaft durch.

Die Welt wird immer komplizierter, aber die Antwort immer einfacher. Herr Grünewald, Sie sind von Haus aus Psychologe und können uns dieses Phänomen bestimmt erklären!

Stephan Grünewald: Wir haben einen paradoxen Befund: Deutschland ist als Exportweltmeister ein Globalisierungsgewinner. Dennoch haben wir hierzulande große Ängste vor der Globalisierung. Warum? Weil die Globalisierung, so glaube ich, zu einer Schimäre und zu einem reinen Platzhalter geworden ist für all das, was die Menschen als ungerecht, als unfassbar, als schwer nachvollziehbar betrachten. Wir erleben eine gesellschaftliche Spaltung, bei der Teile der Bevölkerung das Gefühl haben, abgehängt zu sein. Sie sehen sich als „Hartzer“, als Verlierer ohne jede Perspektive. Deutschland hat immer davon gelebt, dass beim nächsten Wirtschaftswachstum auch strukturelle Gerechtigkeitsprobleme aufgegriffen werden. Dieser Glaube an eine bessere Zukunft ist verlorengegangen. Diese Menschen fühlen sich von den Parteien verraten und haben das Gefühl, sie werden nicht genügend wertgeschätzt. Dieses explosive Gebräu entlädt sich derzeit in Hasstiraden und in Populismus-Sehnsucht. Zu diesem Empfinden tragen auch „die da oben“ bei: Gesellschaftliche Verlierer erleben seit Langem nicht mehr die Solidarität der Eliten. Vielmehr empfinden sie, dass die Eliten hochnäsig von einem überlegenen moralischen Standpunkt auf sie herabblicken. Wie zeigt sich das? Indem beispielsweise bestimmte Lebensäußerungen und Ausdrucksformen wie etwa Alkoholkonsum, Rauchen, fettes Essen, Süßkonsum, Rezeption von Unterschichten-TV tabuisiert werden.

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Bei der Elitenschelte schwingt also viel Verdruss mit. Immer mehr Menschen glauben, sie wären die besseren Journalisten oder Politiker − dabei beherrschen sie nicht einmal den Konjunktiv, beklagt der Kolumnist Jan Fleischhauer süffisant. Brauchen wir  hierzulande wieder ein Elitebewusstsein?

Eliten zeichnen sich dadurch aus, dass sie etwas für die Gesellschaft leisten, was andere nicht leisten können. Diese Leistung muss aber auch erbracht werden: Schauen wir aber beispielsweise auf die Bankenkrise, dann muss man sagen, dass die Finanzeliten die Entwicklungen falsch eingeschätzt oder sich zum Teil schlichtweg verzockt haben. Trotzdem bekommen sie große Boni. Das ist für viele Leute nicht vermittelbar. Der Kern des Eliten-Argwohns lautet also: „Die bringen ihre Leistung nicht“. Dennoch lassen sie sich in ihren eigenen Kreisen feiern. Die US-Präsidentenwahl von Trump ist im Grunde genommen der Denkzettel dafür. Nach dem Motto: Jetzt kriegt ihr mal mit, was ihr alles übersehen habt.

Populisten wie Trump arbeiten sich ja durchaus erfolgreich am Konzept der „political correctness“ ab. Andreas Rödder, Historiker der Universität Mainz, beklagt, wir seien das selbst schuld: Wir hätten Themen wie Diversität, Antidiskriminierung, Gleichstellung etc. in den letzten Jahren derart ideologisch überhöht, dass es schon Züge einer repressiven Toleranz angenommen habe. Ist an dem Gedanken etwas dran?

Ich würde es anders formulieren. Es ist eine mehrfache Kränkung in der Gesellschaft. Die Kränkung, dass die Prosperität an manchen vorbeigeht und die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird. Dann die Kränkung, dass einige sich nicht wahrgenommen und wertgeschätzt fühlen, sondern im Gegenteil, dass das, was ihnen lieb und wichtig ist, tabuisiert wird. Das spitzt sich in der Flüchtlingsthematik noch weiter zu, wenn das Gefühl aufkommt, dass „der Syrer“ mehr zählt als „der Sachse“. Die Kränkung und das Gefühl, nicht wertgeschätzt zu werden, führen zu Verbitterung und zu Eifersucht.

Erleben wir mit dem Populismus jetzt die „Rückabwicklung“ der Globalisierung? Ist das die Konsequenz aus der von Ihnen beschriebenen Kränkung?

Was ich beschreiben möchte, ist eine Gerechtigkeitsproblematik, ein Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden, sowie eine Eifersuchtsproblematik, wieso andere hofiert und bevorzugt werden und ich nicht. Frau Merkel hat das jahrelang kongenial gelöst, indem sie den Menschen vermittelt hat: „Ihr könnt mir vertrauen. Ich steuere euch nicht in eine ungewisse Zukunft.“ Wir haben vor zwei, drei Jahren in Forschungsinterviews immer wieder gespiegelt bekommen, dass viele das Gefühl haben, Deutschland ist eines der letzten Paradiese und wir sind umbrandet von ungeheuer vielen Krisenherden. Wenn wir in die Zukunft blicken, haben wir das Gefühl, es wird nicht besser, sondern es kann nur schlimmer werden. Das führte dazu, dass wir an eine permanente Gegenwart glauben,und Angela Merkel ist die Sachwalterin, weil sie den Menschen sinngemäß sagt: „Ich fahre auf Sicht, ich führe euch nicht in etwas  Ungewisses, sondern ich garantiere, dass alles so bleibt, wie es ist.“ Unmut dagegen hat sich nur an den Rändern der Gesellschaft artikuliert. Zu einer Wellenbewegung wurde das erst im letzten Jahr, als auch die gesellschaftliche Mitte von der Verunsicherung erfasst wurde. Und dann brachen auch sehr schnell bestimmte Kultiviertheitsstandards, nach dem Motto: Jetzt darf es mal alles ausgesprochen werden. Damit wurde nicht nur der inhaltliche Radius erweitert, sondern auch die Affektwucht, mit der Debatten ausgetragen wurden.

Eine Pegida-Demonstration in Dresden.

Das traditionelle Grundversprechen ist ja, dass unsere Kinder es einmal besser haben sollen. Das ist heute längst nicht mehr ausgemacht. Können Sie die Angst der Eltern verstehen?

Die Menschen spüren die kippelige Weltsituation. Bernd Ulrich hatte letztes Jahr ein Buch geschrieben, in dem er Gespräche mit Politikern beschreibt, in denen sie ratlos sind und angesichts der globalen Konfliktverwerfungen auch nicht weiterwissen. Ich habe das mal mit dem Bild beschrieben, dass Deutschland eine „Goretex-Republik“ ist: Das Gute aus Deutschland dringt weiterhin nach außen, es macht uns beispielsweise zum Export- und zum Reiseweltmeister, aber das Krisenhafte bleibt außen vor. Was wir dann in 2015 erlebt haben, war die Umkehrung dieser Semipermeabilität. Auf einmal strömte es von außen scheinbar ungehindert rein, und von innen kamen auch nur noch der VW-Abgas-Skandal oder der Deutsche-Bank-Skandal heraus. Die „Raute“ von Angela Merkel war immer auch ein Sinnbild für eine fürsorgliche Umgrenzung der Republik. Damit hat sie signalisiert: Ich lasse nichts an euch heran. In dem Moment aber, als sie stattdessen die Arme ausgebreitet hat, ist sie von der Befürworterin der permanenten Gegenwart zum internationalen Willkommensengel geworden, der uns in eine ungewisse Zukunft schickt. Da bekommt die lange schwelende  Eifersuchtsproblematik eine ganz neue Dynamik und mündet in der tiefenpsychologischen  Frage: Wen liebt die Mutter eigentlich? Die eigenen Kinder oder die fremden Kinder? In einer Studie, die wir Anfang des Jahres über Ängste rund um die Flüchtlingspolitik gemacht haben, haben sehr viele Befragte geantwortet: Die liebt die fremden Kinder mehr. Die riskiert dafür ihr eigenes politisches Schicksal. Warum? Mit dieser Kränkung kommen dann auch Ängste auf: Viele von uns leben mit der Mentalität einer saturierten Vollkasko-Gesellschaft, die jetzt auf Menschen trifft, die todesmutig sind, die auf der Flucht jedes Risiko in Kauf genommen haben,
um sich eine bessere Zukunft aufzubauen. An dieser Stelle beschleicht manche das Gefühl, da kommt eine Power ins Land, die uns überlegen ist. Das ist der psychologische Grund, warum ein Land mit einer ungeheuren Leistungsbilanz nicht das Gefühl hat, wir schaffen das, sondern auf einmal die Angst hat, die schaffen uns.

"Globalisierung gilt für viele nicht mehr als Zukunftsoption, und auch auf ein Modell der permanenten Gegenwart können wir uns nicht mehr verlassen, also suchen wir unser Heil in der Rolle rückwärts. Wir versuchen, Verhältnisse zu restaurieren − das Amerika der Sechzigerjahre, Deutschland vor der Wende."

Und nun?

Globalisierung gilt für viele nicht mehr als Zukunftsoption, und auch auf ein Modell der  permanenten Gegenwart könnenwir uns nicht mehr verlassen, also suchen wir unser Heil in
der Rolle rückwärts. Wir versuchen, Verhältnisse zu restaurieren − das Amerika der Sechzigerjahre, Deutschland vor der Wende etc. Wir versuchen damit, Kindheitserinnerungen
wiederzubeleben. Der Psychologe würde sagen, wir regredieren auf einfache Muster.

Aus Angst wird irgendwann immer Wut, und Wut ist per se ungezügelt. Sie haben in einem früheren Interview den Umgang mit Migranten und Flüchtlingen provokativ mit der mittelalterlichen Hexenverfolgung verglichen. Was meinen Sie damit?

Das ist zum Teil vereinfacht aufgegriffen worden. Ich habe mich nach der Wahl in  Mecklenburg-Vorpommern gefragt, wie es kommt, dass die Angst vor Flüchtlingen in Regionen größer ist, die kaum mit Flüchtlingen Kontakt haben. Die Flüchtlinge werden hier zu einer Projektionsfläche für all die Probleme, die manche Menschen haben, und ein  Projektionsmechanismus funktioniert dann am besten, wenn er nicht durch  Realitätserfahrungen korrigiert wird. Ich kann also das Gefühl, die Flüchtlinge sind schuld an allem, nur aufrechterhalten, wenn ich nicht mit ihnen in Kontakt komme.

Das Problem mit Ängsten, und dazu zählen eben auch die Globalisierungsängste, ist, dass sie zunächst etwas Unfassbares umschreiben. Es gibt eine Tendenz im Seelischen damit umzugehen, indem man es fassbar macht. Darum kommt es zu diesen Projektionen. Im Mittelalter gab es die großen Seuchen, und überall starben die Menschen, ohne dass man damals wusste, woran dies lag, weil man Viren und Bakterien noch gar nicht kannte. Also hat man stattdessen angefangen, Juden, Hexen oder wen auch immer damit in Zusammenhang zu bringen. Dann hat die Angst ein Gesicht und man kann dagegen angehen.

Auch wenn man weiß, dass es Unschuldige trifft?

Ja, auch dann. Unsere seelischen Mechanismen sind so, dass wir uns lieber schuldig als ohnmächtig fühlen. Noch besser ist es, einen Schuldigen zu finden, dann können wir nämlich
Macht an den Tag legen.

Aber dann müssen wir dem Angstgefühl ein anderes Bild, einen besseren Gesellschaftsentwurf entgegenstellen!

Richtig. Wir brauchen ein positives Bild. Deutschland ist mehr als nur das vergangene Bild der Dichter und Denker und des Erfindungsgeistes. Wir brauchen neue, zeitgemäße und  übergreifende Mythen und Bilder, um das Gefühl zu vermitteln, ja, das ist deutsch.

Die zweite Aufgabe ist, dass es uns wieder gelingen muss, die Sprachlosigkeit zu überwinden. Wir müssen vermitteln, dass wir noch in der Lage sind, den Staat umzubauen. Sonst gewinnt das Gefühl überhand, dass harsche Systemkorrekturen notwendig sind. Dann glauben die Leute, man braucht einen Zertrümmerer wie Trump, um etwas zu bewegen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Im Original ist der Text im Jahrbuch "Global Compact Deutschland 2016" erschienen.

Quelle: UmweltDIalog
 

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