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„Wir sind eine überforderte Gesellschaft“

Größer, schneller, weiter. Noch immer glauben wir, unser Glück durch Konsum und Leistung erzwingen zu können. Der renommierte Psychologe Wolfgang Schmidbauer weiß Rat – jenseits von Medikamenten, Illusionierung und Verdrängung.

22.06.2020

„Wir sind eine überforderte Gesellschaft“

UmweltDialog (UD): In Ihrem Buch „Raubbau an der Seele: Psychogramm einer überforderten Gesellschaft“ erzählen Sie, dass Sie − durchaus glücklich − eine Weile als Aussteiger in Italien ohne Strom und Fernsehen gelebt haben. Heute dagegen leben Sie in der Weltstadt München − gut vernetzt, erfolgreich und vermutlich mit allerlei modernem Komfort. Ihre Großeltern würden sicher sagen: Aus dem Jungen ist ja doch noch was geworden! Haben Sie sich schlussendlich auch unserer Konsum- und Leistungsgesellschaft unterworfen? 

Wolfgang Schmidbauer: Unterworfen würde ich nicht sagen. Zum Teil angepasst trifft es eher. Das Aussteigerleben habe ich aufgegeben, als meine Älteste schulpflichtig wurde und ich mich für eine Therapieausbildung interessierte. Aber die Kritik an dem Wachstumswahn und der organisierten Verschwendung habe ich nicht aufgegeben. Im Übrigen waren meine Großeltern toleranter als Sie denken. Dogmatismus lag ihnen so fern wie mir.

UD: Wir leben in einer Welt, die auf ehrgeizige, tüchtige, allseitig funktionierende Individuen zugeschnitten ist. Da hält nicht jeder mit. Depressionen und Burn-out sind gängige Schlagworte. Was läuft da aus Ihrer Sicht bei uns grundsätzlich schief? 

Schmidbauer: Das zentrale psychologische Thema ist der Wandel des grundlegenden emotionalen Motivs durch den Schritt von einer altsteinzeitlichen Gleichgewichtsgesellschaft in die erst langsam, dann rapide − durch den Kapitalismus − sich zum Raubbau hin steigernde Ungleichgewichtsgesellschaft. Auf die Gleichgewichtsgesellschaft ist unser Organismus zugeschnitten. In diesen Kulturen, die wir altsteinzeitlich nennen, wurden die Menschen durch den Hunger motiviert, der gut und eindeutig zu stillen ist. Die Ungleichgewichtsgesellschaft motiviert sich durch die Angst, gegen die der Mensch nie genug an Sicherheit anhäufen kann. Wer Vorräte hat, hat auch Angst, dass sie ihm jemand wegnehmen kann. Seither werden Kinder geschlagen; Jägerkulturen tun das nicht, weil solche Kinder schlechte Jäger sind, aber „gute“ Sklaven. Im modernen Staat haben wir zwar die Prügel wieder abgeschafft, aber die Angst ist geblieben. Sie hat sich multipliziert, inzwischen zum Beispiel zu den zahlreichen Ängsten vor falschen Entscheidungen, vor beruflichem oder privatem Versagen. Depressionen wurzeln darin, dass Kinder Ängste der Eltern wahrnehmen, es könnte „nichts“ aus ihnen werden, und sich deshalb überanpassen, sich nicht mehr an ihren vitalen Bedürfnissen und Grenzen orientieren.

Wolfgang Schmidbauer: Raubbau an der Seele.

Wolfgang Schmidbauer:
Raubbau an der Seele.
Psychogramm einer
überforderten Gesellschaft
Oekom Verlag:
München 2019
Softcover, 256 Seiten
ISBN 978-3-96006-009-3
Euro 18,00

 
 

UD: Nicht jeder erfährt in seiner täglichen Arbeit Sinnhaftigkeit. Die meisten arbeiten wegen des Geldes und allem, was sich daraus ergibt: ein angesehener Beruf, viel Geld verdienen, für den Partner attraktiv sein et cetera. Sie kritisieren das als unpersönlichen Perfektionismus. Warum eigentlich? 

Schmidbauer: Perfektionismus ist die Form der Angstabwehr, die in der Konsumgesellschaft „normal“ wird. Wer ihn anstrebt, verliert oft die Orientierung an dem, was ihm auf einer vitalen Ebene gut tut, was bekömmlich für ihn ist. Burn-out ist oft die Folge einer Übererfüllung beruflicher Normen. Wer sein Leben auf die Leistungskarte setzt, lebt sehr riskant. Viele Depressionen brechen aus, wenn − oft unbewusst − die Betroffenen den Eindruck haben, dass sie sich für weniger Anerkennung mehr anstrengen sollen. Sich in ihrer Haut wohlfühlen, Freizeit genießen können − das können Kinder nicht von Eltern lernen, die Angst haben, dass sie die nötige Leistung nicht bringen.

UD: An einer Stelle in Ihrem Buch heißt es: „In der Konsumgesellschaft sollen wir glauben, dass das Leben durch Leistung kontrollierbar wird. Wer genug leistet, kann sich Sicherheit und Glück kaufen.“ Aber was ist genug? 

Schmidbauer: Es ist eben eine Illusion, dass man Sicherheit und Glück kaufen kann. Das funktioniert einfach nicht. Man kann nur dem Geld hinterherjagen − die aktive, manische, realitätsverleugnende Variante − oder jammern und anderen die Schuld geben, dass sie einem nicht das Glück verschaffen, das man sich wünscht. Wichtig an den Überlegungen zum Raubbau ist ja, dass uns im depressiven Zusammenbruch oft die Kraft fehlt, uns mit einer Fehlentwicklung auseinanderzusetzen. Ein gesunder Mensch kann Kränkungen verarbeiten und einen neuen Weg suchen; der zusammengebrochene Perfektionist wünscht sich nur, dass alles wieder so wird wie früher. Ihm werden Medikamente angeboten. Sie entlasten ihn ein wenig, lenken ihn aber von Einsicht und Neuorientierung ab, vor allem wenn sie mit dem Mythos einer womöglich ererbten Anomalie des Gehirnstoffwechsels vorgetragen werden. Heute nehmen in den fortgeschrittenen Gesellschaften Depressionen parallel zum Verbrauch von Antidepressiva rapide zu. Man könnte sagen, dass die antidepressiven Medikamente mit dem Motto „Schluck mich, und du wirst normal“ eher ein Symptom als eine Kur der Depression sind.

Wolfgang Schmidbauer

Wolfgang Schmidbauer hat über sein Aussteigerleben in der Toskana und seinen Weg vom Journalisten zum Therapeuten und Schriftsteller in dem Buch „Die Seele des Psychologen“ berichtet, das 2016 in Zürich erschienen ist. Bekannt wurde er durch den Bestseller „Hilflose Helfer“, der seit 1977 viele Auflagen erlebt hat und immer noch gedruckt wird. Dort entwickelt er das Konzept des Helfersyndroms und der Burn-out-Problematik in den helfenden Berufen. Schmidbauer ist einer der ersten psychologischen Kritiker der Konsumgesellschaft: „Homo consumens. Der Kult des Überflusses“ erschien 1971. 2017 entstand auf Anregung des oekom verlags eine weitere Schrift zu den psychologischen Aspekten der Konsumgesellschaft: „Raubbau an der Seele: Psychogramm einer überforderten Gesellschaft“.

 
 

UD: Da sind wir ja auch beim Thema Nachhaltigkeit und den planetaren Grenzen: All unsere bisherige Kreativität und unser Erfindergeist setzen grenzenlose Ressourcen voraus. Der künftige New Green Deal oder das Pariser Klimaabkommen versprechen, das besser zu machen. Aber auch sie setzen dabei auf die gleiche bisherige Kreativität und den gleichen Erfindergeist. Kann das klappen? 

Schmidbauer: Ich hoffe sehr, dass wir die destruktiven Motive hinter der menschlichen Erfindungsgabe nicht behalten. Bisher hat sie ja vorwiegend einseitig dem Wachstum der Verschwendung und der Mehrung des Profits gedient. Viel zu selten und völlig neben den Machtstrukturen wurden alternative Ziele wie mehr Lebensqualität, Schonung der Natur und Ähnliches verfolgt und soziale Strukturen entwickelt, die solche Ziele festigen. 

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UD: Der andere Weg ist der des Verzichts. Dazu formulieren Sie einen interessanten Gedanken: Die Konsumgesellschaft entfalte ihre Macht keineswegs durch das lustvolle Angebot, sondern durch Angst, die einsetzt, wenn das Erwartungsniveau unterschritten wird. Fühlt sich Konsumverzicht dann nicht so an wie ein kalter Entzug für einen Junkie? 

Schmidbauer: Die Metapher ist schief, weil der Junkie körperlich abhängig ist und sein Organismus gegen den Mangel an seinem Stoff rebelliert, während wir uns nur einbilden, dass uns unser Konsumniveau glücklicher macht. Es ist nachgewiesen, dass die Befriedigung durch ein tolles neues Produkt sehr schnell abebbt. Wer viele tolle Produkte um sich hat, hat wenig Freude an ihnen, aber viel Sorge, dass sie nicht funktionieren. In Wahrheit machen uns die Verlustängste abhängig, während Verzicht uns Freiheit, Lebensqualität und Energie zurückgibt.

UD: Wenn Greta Thunberg fordert, dass die Menschen Angst haben sollen, wenn sie sich nicht sofort ändern, stoßen dann nicht gleich zwei Angstwelten zusammen? Wie können wir da am besten reagieren? 

Schmidbauer: Frau Thunberg trifft einen wichtigen Punkt: Nur Angst vor einem größeren Schaden kann etwas gegen die Verlustangst ausrichten, die unser absurd hohes Konsumniveau bewacht. Die Vernunft ist zu schwach dazu. Viele Alkoholiker wissen, dass Alkohol nicht gut für sie ist − aber sie hören erst auf zu trinken, wenn sie die Schäden an Herz, Leber oder Nervensystem nicht mehr ignorieren können oder ihre Ehe auf der Kippe steht. Leider gehört es zu den großen Schwächen der Demokratie, dass sie politische Lügner, die den Wählern unangenehme Wahrheiten ersparen, viel zu lange gewähren lässt. Der Staat sollte durch energische Gesetze gegen Verschwendung von Rohstoffen und Energie, gegen Müllproduktion und undurchschaubare, nicht zu reparierende Produkte den Verzicht Einzelner unterstützen. Eine Steuer und eine Schranke motivieren den SUV-Fahrer, öffentlich zu fahren − das Lob auf dem Plakat in der U-Bahn, dass ihre Nutzer Klimaschützer sind, bringt damit verglichen herzlich wenig.

Dieser Artikel ist im Original im Magazin „UmweltDialog“ zum Thema „Innovationen“ erschienen.

UmweltDialog Innovationen
Quelle: UmweltDialog
 

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