Ohne Sauerstoff nichts los - Meeresbiologen gehen Todeszonen auf den Grund
Am Verhalten von Meeresgrund-Bewohnern lässt sich nun erstmals das Entstehen von sogenannten Todeszonen im Meer vorhersagen. In diesen Zonen kämpfen Tiere um verschwindenden Sauerstoff – erfolglos. Diese immer öfter auftretenden Sauerstoffkrisen enden meist mit Massensterben. Ein Team von Forschern hat es geschafft, das Verhalten der Organismen bei sinkendem Sauerstoffgehalt aufzuzeichnen. Dafür wurden mit einem eigenentwickelten Unterwassergerät Todeszonen am Grund der Adria nachgestellt. So wird nun im August mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF ein Katalog der Verhaltensmuster von Tieren veröffentlicht, anhand dessen der Wasserzustand klassifiziert werden kann.
Erforschung von Todeszonen im Meer, Foto: Michael Stachowitsch
Verhalten als Messlatte
Wenn sich der Sauerstoffgehalt des Wassers verändert, ändern auch Meeresbewohner ihr Verhalten. Darauf baut das Projekt eines Forschungsteams an der Universität Wien auf, wie Dr. Michael Stachowitsch vom Department für Meeresbiologie erklärt: „Wir erforschen, was sich im Detail am Meeresgrund der Adria abspielt, wenn der Sauerstoff zur Neige geht und zwar davor, währenddessen und danach. Dabei beobachten wir, wie die Tierarten auf den Sauerstoffmangel genau reagieren. Manche beispielsweise versuchen zu fliehen und drängen nach oben in höhere Wasserschichten. Andere wiederum vermindern ihre Aktivität oder legen komplett unnatürliches Verhalten an den Tag. Das Ziel unseres Projektes war es, einen detaillierten Katalog zu erstellen, der genau diese Verhaltensweisen beschreibt und einem bestimmten Sauerstoffgehalt im Wasser zuordnet." Somit erlaubt der Verhaltenskatalog ohne kosten- und zeitintensives Messen Rückschlüsse auf den Zustand des Wassers. Der Katalog wird von Dr. Stachowitsch gemeinsam mit Dr. Bettina Riedel und Prof. Martin Zuschin erarbeitet und erste Teilaspekte werden im August veröffentlicht.
Die Wiener Forscher folgen für ihr Projekt der Tradition der in der Fachwelt sehr angesehenen „Wiener Schule der Meeresbiologie". Das bedeutet mitunter auch, dass nicht - wie vielfach üblich - rein am Computer oder in einem Labor geforscht wird, sondern „in situ", also am Ort des Geschehens. Dieser ist für das aktuelle Projekt der adriatische Meeresgrund in 24 Metern Tiefe, zwei Kilometer vor Piran, Slowenien. Um nicht darauf warten zu müssen, bis sich dort Sauerstoffarmut breit macht, konstruiert das Forschungsteam seine eigene kleine Todeszone. Dafür musste erst ein Unterwassergerät entworfen und gebaut werden.
Sauerstoffkrise unter Plexiglas
EAGU (Experimental Anoxia Generating Unit) ist eine eigen-entwickelte Plexiglaskammer mit Hightech-Ausrüstung, welche wichtige Daten liefert, wie Dr. Riedel erklärt: „Wir bringen den 50 x 50 x 50 Zentimeter großen Würfel zuerst in geöffnetem Zustand in Position. 24 Stunden lang beobachten wir das Leben im normal-sauerstoffhaltigen Wasser. Dann wird der Kubus verschlossen. Innerhalb von wenigen Tagen ist sämtlicher Sauerstoff im EAGU aufgebraucht. In Relation zum sinkenden Sauerstoffgehalt ändert sich nun auch das Verhalten, der eingeschlossenen Muscheln, Schwämme, Schnecken, Anemonen und Seescheiden. Eine Zeitrafferkamera liefert Bilder im Minutentakt, Sensoren messen den Gehalt an Sauerstoff und Schwefelwasserstoff im Wasser, den pH-Wert und die Temperatur." So konnte das bildlich festgehaltene Verhalten der Tiere den einzelnen Sauerstoff-Kategorien zugeordnet werden.
Der so mit Unterstützung des FWF entstandene Verhaltenskatalog stellt einen Leitfaden zur Früherkennung von Todeszonen dar. Er könnte so auch einen Beitrag leisten, damit im Ernstfall von der Politik sofort die nötigen Maßnahmen ergriffen werden können - zum Beispiel Einstellung der Fischereiaktivitäten im betroffenen Gebiet, um dem Ökosystem dadurch die Chance zur Regenerierung zu geben.
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