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Handel hilft Afrika mehr als Almosen

„Das Prinzip Aid by Trade setzt nicht auf Charity“, sagt Johannes Merck. Für den Vorstand der gleichnamigen Stiftung, „aktiviert es vielmehr Marktkräfte und fördert damit im besten Sinne nachhaltige Entwicklung.“ Genau das wollte Michael Otto auch erreichen, als er die Aid by Trade Foundation 2005 ins Leben rief. „Wir setzen auf Hilfe zur Selbsthilfe“, schildert der Hamburger Unternehmer und Aufsichtsratvorsitzende der Otto Group seine Idee zur Umsetzung einer neuen Form unternehmerischer Verantwortung: „Wir subventionieren Baumwolle nicht, sondern machen sie durch eine Verbesserung der Produktionsbedingungen konkurrenzfähig.“
Dr. Michael Otto und Dr. Johannes Merck beim CEO Treffen Cotton made in Africa in Berlin, Foto: Paul Hahn
15.04.2009 Hamburg (UD/gp) - Mit dem von der Aid by Trade Foundation (AbTF) initiierten Projekt „Cotton made in Africa“ (CmiA) will er bis 2012 in mehreren Staaten Subsahara-Afrikas rund 265.000 Kleinbauern lehren, ihre auf bislang rund 160.000 Hektar angebauten etwa 85.000 Tonnen Baumwollernte fit für den harten Wettbewerb auf dem Weltmarkt zu machen. Das soll die Kleinerzeuger endlich vom Tropf der Entwicklungshilfe abnabeln.

In wirtschaftlich prekären Zeiten setzt die Aid by Trade Foundation damit deutliche und neue Zeichen. Aus eigener Kraft sollen sich die afrikanischen Baumwoll-Erzeuger ihren Markt erobern. Die Stiftung gibt ihnen dazu lediglich Starthilfe – Bonuszahlungen, die etwa durch ein Preis-Plus am Endprodukt finanziert werden, sind tabu. Die Aid by Trade Foundation setzt ausschließlich auf marktorientierte Projekte.

Die Berater der Stiftung schulen die Kleinbauern, wie sie mehr ernten und zugleich Boden bzw. Wasser schützen können, indem sie ihre Anbautechnik optimieren. So soll etwa die schleichende Vergiftung der Böden mit zuviel Dünger oder Pestiziden vermieden und durch intelligentes Wassermanagement die Austrocknung weiter Landstriche verhindert werden. Hauptziel ist, die Kleinbauern zu verlässlichen Partnern der Händler und Hersteller von Textilien zu machen. Das allein, ist die Stiftung überzeugt, kann ihnen eine Zukunft am Weltmarkt eröffnen.

Wirtschaftskrise bedroht Afrika existenziell

In der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Ende des letzten Weltkriegs zeichnet dieser Ansatz einen Hoffnungsschimmer an den Horizont über Afrika. Während nämlich die Industrieproduktion um bis zu 15 Prozent einbrach und der Welthandel auf dem tiefsten Level seit 80 Jahren dümpelt, geht den ohnehin schon armen Ländern des Südens laut Weltbank das Geld aus. Bis zu 700 Milliarden Dollar tief klafft deren Finanzloch. Sieben Ländern in Afrika droht derzeit gar bereits der Zahlungsnotstand.

Schlimmer noch: Von 2005 bis 2007 wurden zusätzlich Jahr um Jahr rund 120 Milliarden US-Dollar durch Kapitalflucht aus Entwicklungsländern abgepumpt. Darauf wies im Vorfeld des G-20-Finanzgipfels in London schon Ende März der Evangelische Entwicklungsdienst hin. Die Experten zitierten dafür eine neue Studie der britischen Entwicklungsorganisation Christian Aid. „Diese 120 Milliarden US-Dollar gehen den Entwicklungsländern jährlich verloren“, kritisiert EED-Vorstand Wilfried Stehen die Wirtschaftslage der Bedürftigsten, „das allein ist schon so viel wie die gesamte Entwicklungshilfe 2008.“

Zugleich bleiben die reicheren G-8-Staaten diesen Ländern die Einlösung ihrer Gipfel-Versprechen schuldig: Sie sind mit fast 40 Milliarden Dollar im Zahlungsrückstand gegenüber den Ländern Afrikas, Asiens oder Südamerikas. Allein für Afrika schätzt IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn den aktuellen Geldbedarf „auf 140 Milliarden Dollar“.

Neue Wege in der Entwicklungshilfe

Hier setzt die Aid by Trade Foundation an: mit praktischer Hilfe statt Almosen. Die Gemeinschaft der öffentlichen und privaten Geber stellt für das Projekt eine Gesamtsumme von 49 Mio. Dollar zur Verfügung. „Cotton made in Africa dient als Modell für einen innovativen entwicklungspolitischen Ansatz“, betont Michael Otto. „Das Konzept hat das Potential, ein Vorbild-Modell für nachhaltige Entwicklungsansätze der Zukunft zu werden.“ Es sei „ein völlig neuer Ansatz der Entwicklungszusammenarbeit“, sagt der Hamburger Unternehmer und schaffe „in Afrika Nachhaltigkeit auf drei Ebenen: People, Planet and Profit“. Ende 2008 nun konnten Michael Otto und Johannes Merck mit Hilfe der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) dafür einen ebenso prominenten wie potenten Mitstreiter ins Boot holen: Microsoft-Gründer Bill Gates beteiligt sich  über seine Stiftung, die Bill & Melinda Gates Foundation. Auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt das Projekt mit Fördergeldern für die Trainings und investiert außerdem in Forschungsvorhaben. Den Rest steuern Partnerfirmen von Cotton made in Africa wie etwa Hirmer, Peek&Cloppenburg, Tchibo, Quelle, Puma oder auch die Labels s.Oliver oder Tom Tailor bei, indem sie die Aktion über CmiA-Lizenzabgaben, also über den Verkauf ihrer Produkte finanzieren. Sie haben sich zudem verpflichtet, fixe Ernte-Mengen in ihren Waren zu verarbeiten. Die Absatzgarantie sichert den beteiligten Bauern in Afrika einen einschätzbaren Planungshorizont.

Anbaumethoden verbessern

Die Grundidee ist einfach. „Cotton made in Africa nutzt zwei Hebel, um Angebot und Nachfrage zu stimulieren“, erklärt Johannes Merck. In Schulungen vor Ort lernen die Kleinbauern effiziente und moderne Landbaumethoden. Die können sie nicht nur bei Baumwolle anwenden. Das Erlernte nutzt auch beim Anbau von Nahrungspflanzen zur Selbstversorgung oder für den lokalen Gemüsemarkt.

Das neue Agrarwissen der Bauern sichert den Weiterverarbeitern jenen stetigen Rohstoffstrom, den sie für ihre Angebote an die Kunden brauchen. Der Reiz für die Bauern liegt bei dieser Zusammenarbeit nicht darin, ihr Einkommen durch  Bonus-Zahlungen zu erhöhen. Sie lernen vielmehr Methoden, die Erträge durch höhere Ernten bei gleichzeitig geringeren Kosten – etwa durch weniger Ausgaben für Dünger- und Pestizideinsatz – zu multiplizieren und zu verlässlichen Lieferanten für die nachstehende Wertschöpfungskette mit Textilien aller Art zu werden.  So können sie auch mit den am Weltmarkt bezahlten Preisen auskommen. Die Endverbraucher müssen keinen zusätzlichen Obolus berappen.

„Der Aufbau einer Nachfrage-Allianz“, sagt Johannes Merck, „schafft zudem einen Nachfragesog in den Absatzländern der Produkte.“ Dafür sorgt die Marketingstrategie der Stiftung. Sie verleiht Baumwolle aus Afrika ein Gesicht, macht Cotton made in Africa zur Marke, die die Kunden als zusätzliches Qualitätslabel zunehmend akzeptieren und schätzen lernen. Das CmiA-Label garantiert nicht nur gleich bleibende Qualität der Stoffe. Es versichert den Kunden auch die Einhaltung bestimmter sozialer und Umweltstandards – und wird damit zu einem wichtigen Imageträger der Produkte. Marktstudien signalisieren, dass dieses Kriterium künftig immer mehr Käufer motivieren wird. So wird die Teilnahme bei Cotton made in Africa für die Projektpartner immer häufiger zum eigenen Wettbewerbsargument.


Foto: Fotolia.com
Stiftung schafft Win-Win-Situation

Damit erhält ein Massenprodukt unverwechselbare Qualitätsmerkmale. Auf 35.000 Millionen Hektar nämlich bauen in mehr als 90 Ländern der Erde Bauern das „weiße Gold“ an. Mit dem innovativen Konzept von Cotton made in Africa beweist die Aid by Trade Foundation, dass sie eine Win-Win-Situation schaffen kann, „die im Interesse der Erzeuger, Händler, Konsumenten und der Kleinbauern liegt“. Die Verwendung der afrikanische Baumwollen, die die Qualitäts- sowie Umweltstandards der Stiftung  einhält und gemäß sozialer Richtlinien erzeugt wurde, soll dem Produkt einen besonderen Mehrwert verleihen, den der Verbraucher an einem zusätzlich zur Markenkennzeichnung angebrachten CmiA-Label erkennt.

Der Erfolg gibt der Stiftung Recht: Durch Schulungen, bei denen die Projekt-Verantwortlichen inhaltlich und operativ durch Experten ihrer Projektpartner Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) und Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) sowie Deutsche Welthungerhilfe, WWF und NABU unterstützt und beraten werden, konnten etwa 60.000 Baumwollbauern in Sambia ihre Ernten um bis zu 150 Prozent steigern. Fast 18.000 Bauern lernten in Benin und Burkina Faso, die Qualität ihrer Ernten bis zur Güteklasse A für Baumwolle zu steigern.

Allen beteiligten Landwirten gelang es mit diesen besseren und auch quantitativ gesteigerten Ernten, ihre eigene Haushaltslage zu konsolidieren. Weil auch die Baumwollhändler sich zu einer zeitnahen Bezahlung der gelieferten Ware verpflichtet haben, können die Bauern nun die Mehreinnahmen in ihre Familien oder Betriebe investieren. Einige bezahlen mit dem Geld die Schulausbildung ihrer Kinder, andere reparieren ihre Häuser oder legen Geld für spätere Anschaffungen auf die hohe Kante.

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