Umweltsiegel: Der Weg zur einer geeigneten Zertifizierung
Unternehmen geraten immer stärker unter Druck, was die Umweltverträglichkeit und die sozialen Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit betrifft. Viele Unternehmen möchten sich dieser Herausforderung stellen und ihre Handlungen von Dritten prüfen lassen, weshalb Umweltsiegel und Zertifizierungen florieren. Doch wie kann Ihr Unternehmen unter den mittlerweile 700 Umweltsiegeln das richtige auswählen? Und wie entscheiden Sie, ob Sie überhaupt eine Zertifizierung benötigen? Der folgende Artikel liefert Lösungsansätze für diese Fragen.
Wenn Ihr Ziel darin besteht, neue Regierungsauflagen zu erfüllen beziehungsweise zu antizipieren, beispielsweise betreffend die Energieeffizienz Ihrer Produkte oder die zulässige Höchstmenge von Pestiziden, sollten Sie überlegen, ob Sie diesen Anforderungen nicht auch ohne die mit einem Umweltsiegel verbundenen Zusatzkosten gerecht werden können.
Wenn Ihr Ziel darin besteht, Ihre Glaubwürdigkeit bei Stakeholdern zu erhöhen, Ihre Produkte von anderen abzuheben oder den Wert Ihrer Marke zu steigern, dann ist ein genaues Verständnis der unterschiedlichen Zertifizierungsangebote entscheidend. Wenn Ihre Wahl Ihrer allgemeinen Unternehmensvision entspricht, können Sie Ihre Leistung mit der anderer Unternehmen vergleichen und die Früchte Ihres Beitrags zur Veränderung einer ganzen Branche ernten.
Identifizieren Sie relevante Standards
Wenn eine Zertifizierung für Ihr Ziel unerlässlich ist, sollten Sie ein Siegel auswählen, dessen Struktur und Anwendungsbereich für Ihre Branche und Ihr Unternehmen relevant ist. Wenn Sie verschiedene Möglichkeiten erwägen, sollten Sie sich fragen, was die wesentlichen Merkmale der einzelnen Umweltsiegel sind.
Nachhaltigkeit wird nach ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt. In der Praxis gibt es mehr Auflagen für die Umweltverträglichkeit, welche leichter messbar ist, weshalb die meisten Gütesiegel auf diesem Kriterium basieren. Dennoch kann es je nach Branche und Tätigkeitsbereich sinnvoll sein, ein Zertifizierungssystem zu wählen, das auch soziale Kriterien berücksichtigt, wie es das Beispiel des Unternehmens Apple zeigt, das aufgrund der Beschäftigungsbedingungen bei Foxconn ins Kreuzfeuer der Kritik geriet.
Einige Lebensmittelkonzerne, deren Wertschöpfungsketten auch Entwicklungsländer einschliessen, suchen nach umfassenderen Zertifizierungsangeboten. Unilever strebt beispielsweise nach einer externen Zertifizierung für die gesamte Wertschöpfungskette seiner Marke Lipton. Dafür arbeitet das Unternehmen mit der Nichtregierungsorganisation Rainforest Alliance zusammen, die mit Kriterien aus den Bereichen Arbeitsbedingungen, nachhaltige Landwirtschaft und Umweltschutz arbeitet.
Der Anwendungsbereich eines Siegels kann ebenfalls stark variieren. Einige messen die Leistung des gesamten Unternehmens, beispielsweise der National Carbon Offset Standard in Australien, welcher Vorgaben für die Senkung der CO2-Bilanz eines Unternehmens beinhaltet. Andere Siegel beziehen sich auf spezifische Arbeitsprozesse, beispielsweise der Cleaning Industry Management Standard für Reinigungsunternehmen. Andere sind wiederum auf ein Produkt oder ein Produktsortiment zugeschnitten, beispielsweise die Better Cotton Initiative für Baumwollprodukte. In einigen Fällen bieten Organisationen gleich mehrere Zertifizierungsmöglichkeiten unterschiedlichen Umfangs an, beispielsweise der Forest Stewardship Council (FSC) und der Marine Stewardship Council (MSC). Allerdings verlangen beide Organisationen für alle Zertifizierungsstufen die Rückverfolgbarkeit über alle Unternehmen der Wertschöpfungskette.
Vergleichen Sie Kriterien, Sorgfalt und Bekanntheit
Nachdem Sie eine Vorauswahl nach Art und Anwendungsbereich getroffen haben, müssen Sie sich überlegen, welche Kriterien für Sie am sinnvollsten sind. Was sind die spezifischen Zertifizierungskriterien? Einige Umweltsiegel basieren auf einem einzigen Kriterium, beispielsweise dem Energieverbrauch von Produkten. Andere verwenden mehrere Kriterien, wie den Energie- und Wasserverbrauch in der Herstellung, die Toxizität der verwendeten Werkstoffe, das End-of-Life-Management der Produkte und die Arbeitsbedingungen, oder verordnen sogar Mindestpreise, wie die Dachorganisation für Fairen Handel (FLO).
Das Cradle-to-Cradle-Siegel ist ein Beispiel für ein strenges, auf mehreren Kriterien basierendes Umweltzeichen mit umfassenden Anforderungen an die Entwicklung und Herstellung von Produkten. Allerdings sollten Sie sich der Besitzstruktur und der allfälligen Re-Zertifizierungspflicht bewusst sein. Während die Kriterien hinter dem Cradle-to-Cradle-Siegel von einer Organisation ohne Gewinnstreben erarbeitet werden, läuft die Zertifizierung über eine gewinnorientierte Beratungsfirma, die verschiedene Zertifizierungsstufen (Basis, Silber, Gold und Platin) anbietet, mit einer jährlichen Re-Zertifizierungspflicht und ständig steigenden Anforderungen.
Wie streng sind die Auflagen für die Zertifizierung? Wenn die Anforderungen gleich hoch bzw. nur knapp höher sind als die bestehenden gesetzlichen Auflagen, besteht die Gefahr, dass sie schnell veralten bzw. von externen Stakeholdern oder Verbraucherverbänden in Frage gestellt werden. Ein Beispiel dafür ist der Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO), welcher von NGOs aufgrund seiner schwachen, nicht durchsetzbaren und somit wirkungslosen Kriterien wiederholt angegriffen wurde.
Wie sieht die Besitzstruktur der zertifizierenden Organisation aus? Diese gibt Aufschluss über die Sorgfalt der Zertifizierung. Verbände wie der RSPO haben tendenziell tiefere Anforderungen. Kontrollbehörden wie diejenigen, die das Energy-Star-Gütezeichen oder die europäische Energieverbrauchskennzeichnung überprüfen, sind für Verbraucher und andere Stakeholder glaubwürdiger, verfügen jedoch über eine eingeschränkte geographische Bekanntheit. Drittparteien wie Organisationen ohne Gewinnstreben oder unabhängige Beratungsfirmen arbeiten häufig mit hohen und umfassenden Anforderungen, die einen greifbaren Mehrwert für die langfristige wirtschaftliche Nachhaltigkeit von Unternehmen darstellen.
Andere Unternehmen wiederum verwenden interne Strukturen. Philips hat die
Nachhaltigkeit beispielsweise ins Herz seiner Geschäftsstrategie gestellt. Das ecoVision-Programm wurde intern entwickelt, basiert allerdings auf den Grundsätzen einiger der grössten externen Umweltsiegel. Obwohl Philips mit Zertifizierungsanbietern zusammenarbeitet, verfügt das Unternehmen über eine eigene Zertifizierung, in Form eines EcoDesign-Prozesses und des Philips Green Logos.
Ist das Umweltsiegel als Marke anerkannt? Die Anerkennung eines Gütesiegels durch die Kunden hängt davon ab, wie viele Produkte und Unternehmen bereits zertifiziert wurden. Der geographische Deckungsbereich von Umweltsiegeln kann ebenfalls stark variieren. Einige sind länderspezifisch, insbesondere im Bereich der ökologischen Landwirtschaft. Andere wiederum sind international anerkannt, beispielsweise Ecocert, das zur Zertifizierung der Landwirtschaft in Frankreich entwickelt wurde und mittlerweile ein internationales Gütesiegel für nachhaltige Entwicklung ist. Ecocert zertifiziert in mehr als 15 Ländern in Afrika, Europa, Asien, Nord- und Südamerika Lebensmittel, Kosmetika und Textilien unter den Gesichtspunkten der biologischen Landwirtschaft und des Fairen Handels. Nur wenige Umweltsiegel haben einen globalen Anwendungsbereich und eine starke Marke.
Planen Sie langfristig
Die Zertifizierungsbranche steckt noch in den Kinderschuhen und umfasst eine Reihe von Akteuren. Hat Ihre Prüfinstanz die notwendigen Ressourcen, um Ihre Zertifizierung zu unterstützen und schnell auf neue Entwicklungen hinsichtlich Produkten und Wertschöpfungskette zu reagieren? Wenn nicht, könnten Sie später gezwungen sein, die Kosten einer neuen Zertifizierung bei einem anderen Umweltsiegel zu tragen.
Einige Zertifizierungssysteme verlangen auch bei minimalen Veränderungen im Produktdesign oder bei Komponenten- oder Rohstofflieferanten eine vollständige Neubewertung. Andere wiederum fordern jährliche Bewertungen mit regelmässigen Fortschrittsanforderungen, wodurch Unternehmen ständig investieren müssen, um ihre Leistung zu steigern.
Fazit
Umweltsiegel und Zertifizierungen sind ein einflussreicher Trend. Deshalb ist es wichtig, eine aufgeklärte und strategische Bewertung von Umweltsiegeln durchzuführen, bevor Sie sich dafür entscheiden, sie vollumfänglich oder sinngemäss anzuwenden. Wenn Sie einen langfristigen Ansatz wählen und sich mit der Art und dem Anwendungsbereich unterschiedlicher Siegel, ihren Kriterien, ihrem Niveau und ihrer Anerkennung beim Kunden auseinandersetzen, können Sie den Mehrwert eines effizienten Zertifizierungsprozesses und eines starken Gütesiegels nutzen.
Über die Autoren:
Ralf W. Seifert ist Professor für Operations Management am IMD und an der ETH Lausanne. Er leitet das von der ETH Lausanne, der ETH Zürich und dem IMD gemeinsam organisierte Programm Mastering Technology Enterprise. Heidi Strebel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am IMD-Zentrum für Corporate Sustainability. Joseph Godsey ist MBA-Teilnehmer am IMD.
Kontakt
Impressum
RSS
English Version



Drucken 
Senden
Leserbrief






