„Wir bieten Social Entrepreneuren eine Plattform“
Social Entrepreneure können Unternehmen helfen, ihr soziales Engagement glaubwürdig und öffentlichkeitswirksam herauszustellen: Daraus entstehen neben Reputationsgewinnen oft auch neue Geschäftskontakte. Der Bayer Aspirinpreis zeichnet hierzu im Gesundheitsbereich innovative, gemeinnützige Sozialprojekte aus. Die Bayer Cares Foundation wird den Preis erstmals im Sommer 2010 vergeben. UmweltDialog sprach mit dem Jury-Mitglied Mirjam Schöning, Senior Director & Head, Schwab Foundation for Social Entrepreneurship, über das Thema.
Mirjam Schöning, Foto: Schwab Foundation
Mirjam Schöning: Sicherlich haben einige Firmen ihr Engagement zurückgefahren. Unternehmen dagegen, die auch die soziale Dimension ihrer Verantwortung fest in ihrem Handeln verankert haben, haben ihr Engagement teilweise sogar ausgebaut. Wir sehen dies interessanterweise bei Firmen aus der IT Branche wie zum Beispiel Hewlett Packard und Intel, die ganze Divisionen rund um „Social Impact“ aufbauen sowie bei Beratungsfirmen wie The Boston Consulting Group und Ernst & Young.
UmweltDialog: Warum sollte denn ein Unternehmen aus Ihrer Sicht in bürgerschaftliches Engagement investieren?
Schöning: Unternehmen sind letzten Endes auch Bürger und sollten sich als solche engagieren. Dabei finde ich es wichtig hervorzuheben, dass dies in Partnerschaft mit anderen gesellschaftlichen Kräften passieren muss: Es gibt immer mindestens eine Organisation, die bereits eine Idee umgesetzt, einen besseren Zugang zu einer Bevölkerungsgruppe (z. B Jugendliche oder Menschen unterhalb der Armutsgrenze) oder eine innovative Lösung für dasselbe Problem gefunden hat.
Für die Schwab Stiftung gilt daher, dass wir weltweit die führenden Social Entrepreneurs finden, die neue Ideen zur Bewältigung gesellschaftlicher oder ökologischer Probleme entwickelt haben. Diese versuchen wir durch die „Social Entrepreneur des Jahres“ Wettbewerbe, die wir auf allen Kontinenten durchführen, bekannter zu machen und durch die Teilnahme an Treffen des World Economic Forum Firmen vorzustellen, die mit diesen Organisationen Partnerschaften eingehen. So können Social Entrepreneure Unternehmen helfen, ihr soziales Engagement glaubwürdig und öffentlichkeitswirksam herauszustellen – und als Distributionskanäle zu neuen Zulieferern oder Kunden dienen. Ein Beispiel sind Mikrofinanzorganisationen, die auch Mikroversicherungen und Mobiltelefone vertreiben und dies durchaus zum Nutzen der Kunden.
UmweltDialog: Ein positives Beispiel für bürgerschaftliches Engagement der Wirtschaft ist sicher der Aspirin Sozialpreis. Worum geht es dabei? Was zeichnet ihn aus und wen zeichnen Sie aus?
Schöning: Beim Aspirin Sozialpreis geht es darum, innovative Ansätze der gemeinnützigen Arbeit im Gesundheitsbereich auszuzeichnen und bekannter zu machen. Dies auch durchaus unter dem Gesichtspunkt, auf interessante Organisationen und Initiativen aufmerksam zu machen, die als potenzielle Partner für engagierte Unternehmen in Frage kommen. Die Bewerbungen auf die erste Ausschreibung dieses Preises dokumentieren eine flächendeckende und facettenreiche Bedarfslage. Marktteilnehmer, denen es mit der sozialen Dimension ihrer Verantwortung Ernst ist, finden hier also ein relevantes Förderfeld.
Gesellschaftliches Engagement braucht Zeit
UmweltDialog: Investitionen in das Sozialkapital der Gesellschaft lassen sich nicht nach traditionellen Maßstäben bilanzieren. Was sind hier Messgrößen und Key Performance Indikatoren?
Schöning: Direkte Ursache- und Wirkungszusammenhänge sind hier sicher nicht herzustellen. Nachhaltige gesellschaftliche Wertbeiträge wirken multilateral – und brauchen Zeit. Mit einer Medienresonanzanalyse ist es hier nicht getan, eine qualitative Evaluation ist erforderlich. KPIs sind Projekt-spezifisch zu formulieren. Leider sparen viele engagierte Unternehmen hier am falschen Ende – und fragen sich unterwegs, was ihr Beitrag eigentlich bewirke. Für mich zählt eine belastbare Evaluation ebenso wie ein klar formuliertes Exit Szenario zu jedem zielführendem Good Corporate Citizenship dazu.
UmweltDialog: Machen Standards und Zertifikate wie die geplante CSR-Norm der ISO dabei Sinn?
Schöning: Standards und Zertifikate sind sinnvoll zur Herstellung von Vergleichbarkeit und Transparenz. Für den Bereich sozialen Engagements ist dies aber schwierig: Hier sind die Konfigurationen einfach zu individuelle. Emissionsreduktionen lassen sich nun mal besser standardisiert messen als die Verbesserung sozialer Umfelder.
UmweltDialog: Weltweit eine der wichtigsten Schirmorganisationen ist der UN Global Compact. Wie gut ist aus Ihrer Sicht das Thema bürgerschaftliches Engagement hier verankert?
Schöning: Der Global Compact wurde 1999 am Weltwirtschaftsgipfel in Davos von Kofi Annan angekündigt. Seitdem hat sich der UN Global Compact zu einem der wichtigesten Messgrößen für soziales Verhalten von Unternehmen entwickelt. Die 10 Prinzipien des Global Compact geben jedoch eher vor, welche Standards auch global in Bezug auf Menschenrechte, Umwelt und Korruption eingehalten werden sollen um Negativauswirkungen zu vermeiden. Sie geben weniger vor, welche positiven Beiträge Unternehmen durch ihr Engagement leisten können.
UmweltDialog: In welche Richtung muss das Thema weltweit durch solche Initiativen weiterentwickelt werden?
Schöning: Weltweit bedarf es verschiedener zusätzlicher Foren, um dies Thema weiter zu denken und daraus Handlungen abzuleiten.
Millenniumsziele
UmweltDialog: Die UN werden in 2010 das Thema MDGs verstärkt auf die politische Agenda setzen. Welche Impulse erwarten Sie persönlich?
Schöning: Die MDGs sind ehrgeizige, aber konkrete Ziele. Darauf sollten wir weiter hinarbeiten. Vielleicht müssen die Ziele in einzelne Einheiten heruntergebrochen werden, die jedem von uns aufzeigen, welchen Beitrag wir leisten können – als Funktionsträger, aber auch persönlich.
UmweltDialog: Es ist klar, dass die Millenniumsziele im vorgegebenen Zeitrahmen nicht erreicht werden. Die Wirtschaftskrise macht das alles noch schlimmer. Was kann bürgerschaftliches Engagement hier trotzdem bewirken?
Schöning: Wir sollten in Bezug auf die MDGs nicht den Kopf in den Sand stecken: Wenn es auch danach aussieht, dass diese nicht vollumfänglich erreicht werden, können engagierte Unternehmen dennoch signifikante Impulse liefern: Dabei bilden bürgerschaftliches Engagement und gelebtes „Corporate Citizenship“ eine wichtige Voraussetzung, um eine nächste Wirtschaftskrise zu verhindern oder zumindest abzuschwächen.
UmweltDialog: Sie arbeiten für die Schwab Foundation for Social Entrepeneurship. Welche konkreten Inputs und Hilfestellungen bietet in diesem Zusammenhang die Stiftung?
Schöning: Die Stiftung identifiziert weltweit führende Social Entrepreneurs, die mit wenigen Mitteln sehr effektive Beiträge zu fast allen MDGs leisten. Oftmals bedarf es nur einer Anfangsinvestition, um einen Zyklus in Gang zu setzen, der sich dann finanziell selbst trägt. So entwickeln KickStart in Africa und IDEI in Indien Pumpen und Mikroirrigationssysteme für die ärmsten Bauern. Die Produktion und der Vertrieb der Produkte trägt sich vollständig selbst. Manchmal identifizieren Social Entrepreneure auch wichtige Lücken. Riders for Health, zum Beispiel, überbrückt das Transportproblem von Medikamenten und Gesundheitspersonal in ländlichen Teilen Afrikas.
Wir bieten diesen Social Entrepreneuren eine Plattform, um ihre Lösungen führenden Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Medien und vorzustellen und mit diesen Ansätze zur Verbreitung zu entwickeln. Jedes Jahr wählen wir um die 25 Organisationen aus über 1000 Bewerbungen. Unser Netzwerk umfasst 160 Social Entrepreneurs aus aller Welt und in sämtlichen Bereichen.
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