Neuer CSR-Leitfaden von ISO umstritten
Viele Unternehmen, Verbände und andere Organisationen betonen in ihrer Selbstdarstellung, sie handelten gesellschaftlich verantwortlich. Unterschiedlich und teils vage allerdings sind ihre Vorstellungen davon, worin gesellschaftliche Verantwortung eigentlich besteht. Eine neue internationale Richtlinie soll Unternehmen und Organisationen nun Orientierungshilfe geben: Die sogenannte ISO 26.000 wurde in den vergangenen fünf Jahren unter dem Dach der International Organization of Standardization (ISO) in einem weltweiten Beratungsprozess ausgearbeitet.
So lehnt der BDI, der als Vertreter der deutschen Industrie an den Beratungen teilgenommen hat, die ISO 26.000 in der vorliegenden Form ab. Oliver Schollmeyer, Jurist und Referent für Normungsfragen beim BDI, begründet das unter anderem mit einer „drohenden Zertifizierungswelle“. Er befürchtet, dass Gutachter und Berater aus dem Leitfaden Kapital schlagen wollen und künftig vermeintliche „Gütesiegel“ anbieten, die einem Unternehmen die Einhaltung des ISO-Leitfadens bescheinigen. Dafür aber sei das Dokument nie gedacht gewesen, sagt der BDI-Referent: „Der Leitfaden“, sagt Schollmeyer, „spricht Empfehlungen zur Übernahme sozialer Verantwortung aus“. In konkrete Anforderungen ließen die sich nicht übersetzen. Dazu seien sie „viel zu vage“. Zertifizierungen, die einem Unternehmen ISO-26.000-Konformität bescheinigen wollten, führten in die Irre und kosteten Unternehmen, die sich darauf einließen, viel Geld.
Ganz anders sieht das Judith Vitt vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Sie lobt, dass der ISO-Leitfaden „endlich klarstellt, was die Übernahme sozialer Verantwortung für Unternehmen und andere Organisationen im Kern bedeutet“. Das sei ein „echter Erfolg“, meint die Handelsexpertin. Die ISO 26.000 schaffe trotz oftmals umständlicher Formulierungen langfristig Orientierung. Unternehmen, sagt Vitt, könnten sich in Zukunft nur schwer als gesellschaftlich verantwortlich handelnd darstellen, wenn sie die Kategorien des ISO-Rasters nicht berücksichtigten. Verbraucher erhielten mit der Leitlinie eine gute Orientierungshilfe, um sich ein Bild von der Ernsthaftigkeit eines Unternehmens zu machen.
Für mehr Klarheit plädiert Franziska Humbert von der Hilfsorganisation Oxfam Deutschland. Die ISO 26.000 sei zwar sehr weitreichend, sagt die Referentin für unternehmerische Verantwortung, doch viele Empfehlungen seien „zu weich verfasst und manchmal auch unverständlich“. So mache der Leitfaden nicht deutlich, wie weit die Verantwortung von Unternehmen und Organisationen jeweils reiche. „Ob sie zum Beispiel einschreiten müssen, wenn ihnen Menschenrechtsverletzungen bei ihren chinesischen Zulieferern bekannt werden, auch wenn diese nicht ihre direkten Vertragspartner sind, wird nicht eindeutig geklärt“, sagt die promovierte Juristin.
„Perfekt ist der Leitfaden noch nicht“, räumt Verbraucherschützerin Vitt ein. Er verfüge aber über eine hohe Legitimität, da die Empfehlungen in internationalen Beratungen im Konsensprinzip entwickelt wurden. Die Sorge von Industrievertretern, der Leitfaden könne eine neue Zertifizierungswelle lostreten, kann sie nachvollziehen. „Die ISO 26.000 macht sehr deutlich, dass sie sich dafür nicht eignet“, sagt Vitt. Auch habe der Leitfaden nicht den Anspruch, rechtliche Regelungen zu ersetzen. Wenn die Richtlinie bei Unternehmen und Organisationen den Blick für soziale Verantwortung schärfe, sagt Vitt, sei schon viel gewonnen.
(Quelle: Rat für Nachhaltige Entwicklung)
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