Exklusiv-Interview mit Rainer Wend, Leiter des Zentralbereichs Politik und Nachhaltigkeit der Deutschen Post DHL
Etwas ganz Neues wolle er machen, mit dieser Ankündigung überraschte Dr. Rainer Wend im vergangenen August nicht nur seine Kollegen im Deutschen Bundestag. Seit dem 1. April dieses Jahres ist der 55-jährige Ostwestfale nun „Außenminister“ der Deutschen Post DHL und zuständig für die Bereiche Politik und Nachhaltigkeit. Wend, seit 1970 SPD-Mitglied, ist Nachfolger der früheren Gewerkschaftschefin und EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies.
Rainer Wend, Bilder (2x): Deutsche Post DHL
Dr. Rainer Wend: Nach elf Jahren als Bundestagsabgeordneter war es Zeit für einen beruflichen Neuanfang. Meine Position bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik, sodass ich den Kontakt zur Politik nicht verliere, was mir sehr wichtig ist. Außerdem hat mich die Herausforderung gereizt, für das Thema Nachhaltigkeit in einem großen Konzern verantwortlich zu sein. Unternehmerische Verantwortung für die Gesellschaft, in der wir leben, wird für die Arbeit von Unternehmen immer wichtiger, da sie zunehmend über den wirtschaftlichen Erfolg entscheidet. Aktivitäten im Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung tragen unter anderem zu einer höheren Motivation der Mitarbeiter und damit zur besseren Qualität der Arbeit bei. Auch Kunden verlangen zunehmend, dass Unternehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung ernst nehmen. Spätestens wenn die unternehmerische Verantwortung über den Geschäftserfolg entscheidet, wird das Thema auch aus Investorensicht interessant: Bei Veranstaltungen wie den regelmäßig stattfindenden „Capital Days“ merken wir, dass es zunehmend Nachfragen der Investoren zu diesem Thema gibt. Dieses vielschichtige Themengebiet mit zu gestalten ist eine spannende Aufgabe!
UD: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Deutsche Post DHL in Sachen Nachhaltigkeit, und welche Prioritäten werden Sie in der kommenden Zeit setzen?
Wend: In der Tat gehört die Post zu den großen CO2-Emittenten, da sie täglich große Mengen an Briefen, Paketen und Waren mit Flugzeugen, Schiffen, Eisenbahnen und Lkw rund um den Globus befördert. Als weltweit führender Logistikdienstleister ist daher unsere größte Herausforderung naturgemäß die Verringerung unseres CO2-Ausstoßes. Hier werden wir in der nächsten Zeit alles daran setzen, das Ziel zu erreichen, unsere eigene CO2-Effizienz sowie die unserer Subunternehmer bis zum Jahr 2020 um 30 Prozent zu verbessern. Das heißt, dass die Emissionen pro transportiertem Brief oder Paket, pro beförderter Tonne oder pro genutztem Quadratmeter Fläche um fast ein Drittel reduziert werden. In einem ersten Schritt soll die CO2-Effizienz bis 2012 um 10 Prozent verbessert werden.
UD: Welche Auswirkungen hat die aktuelle Wirtschaftskrise auf das Klimaziel der Deutschen Post DHL?
Wend: Die aktuelle Wirtschaftskrise führt dazu, dass es schwieriger sein wird, dieses Ziel zu erreichen. Denn die geringere Auslastung unserer Frachtkapazitäten führt eher zu einer Verschlechterung der CO2-Effizienz. Um unsere Ziele zu erreichen, müssen und werden wir also noch größere Anstrengungen unternehmen, als ursprünglich geplant.
Wend: Unser Klimaschutzprogramm GoGreen hat das klare Ziel, die CO2-Effizienz wie bereits erwähnt deutlich zu verbessern. Wir haben eine sehr umfassende Palette von klimafreundlichen Produkten und Dienstleistungen entwickelt, die sich keineswegs nur auf Pakete und Briefe beschränkt. So unterstützen wir beispielsweise Kunden bei der Analyse ihrer Lieferkette und bieten ihnen umweltfreundlichere Optionen wie See- und Schienenfracht an. Ein Beispiel ist das Produkt SeaAir von DHL Global Forwarding. Hier werden Güter aus Asien per Schiff nach Dubai transportiert und von dort per Luftfracht nach Europa oder Afrika. Der Kunde spart hierbei gegenüber der reinen Seefracht Zeit und im Vergleich zu reiner Luftfracht Kosten und CO2-Emissionen. Das ist aber nur eine Dimension des GoGreen-Programms. Mit verschiedenen Maßnahmen wird auch das Bewusstsein der Mitarbeiter für den Klima- und Umweltschutz verbessert, damit unsere Mitarbeiter umweltgerechter handeln. Mit der Politik stehen wir in einem intensiven Dialog zu Umweltthemen. Zentrales Prinzip bei diesen Aktivitäten ist Transparenz. Das hilft uns auch, unsere Fortschritte bei der Klimabilanz besser verfolgen zu können.
UD: Wo liegen weitere Schwerpunkte des Nachhaltigkeitsmanagements der Deutschen Post DHL?
Wend: Da zum Schutz der Umwelt mehr gehört, als nur die Emissionen zu verringern, deckt unsere Umweltstrategie auch die Themen Luftverschmutzung, Lärm und Abfall ab. Unternehmerische Verantwortung beschränkt sich aber nicht auf das Thema Umwelt allein. Auch die Themen Katastrophenmanagement und Bildung sind wichtig für uns. In unserem etablierten Katastrophenmanagement-Programm arbeiten wir eng mit den Vereinten Nationen zusammen und sichern mit unserem weltweiten Netz von Katastropheneinsatz-Teams nach Naturkatastrophen den reibungslosen Weitertransport von Hilfsgütern an Flughäfen. Als Unternehmen mit weltweit rund 500.000 Mitarbeitern steht außerdem das Thema Bildung für uns klar im Fokus. Neben unseren internen Bildungsmaßnahmen sind wir deshalb weltweit in lokalen Bildungsinitiativen engagiert und verbessern als Gründungsmitglied der Initiative Teach First Deutschland die Bildungschancen von Kindern an Schulen. Bei all diesen Aktivitäten ist es uns wichtig, sie mit unserer logistischen Kernkompetenz und unserer weltweiten Präsenz zu verbinden, damit der Nutzen so groß wie möglich ist.
UD: Schon unter Ihrer Vorgängerin wurde die Leitung des Zentralbereichs Politik und Nachhaltigkeit als „Außenministerposten" der Post bezeichnet. Welche Aufgaben umfasst Ihr neuer Job?
Wend: An der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik geht es vor allem darum, das gegenseitige Verständnis – das leider oft nicht sehr groß ist – zu verbessern. Ziel ist es, zu Lösungen beizutragen, die einerseits den politischen Willen umsetzen, anderseits aber das Unternehmen nicht übermäßig beeinträchtigen. Im Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung sehe ich meine Aufgabe vor allem darin, die oben genannten zahlreichen Aktivitäten des Konzerns zu koordinieren und sie durch eine klare Strategie – sowohl intern als auch extern – wirkungsvoller zu machen. Unternehmerische Verantwortung und das Streben nach Nachhaltigkeit sind für mich kein kurzfristiges Modethema, dem wir uns nur widmen, weil es gut für unser Image ist, sondern ein zunehmend bedeutend werdender Erfolgsfaktor im internationalen Wettbewerb. In gut entwickelten Ländern gibt es generell bessere Absatzchancen für unsere Produkte. Deshalb profitieren wir als Logistikdienstleister unmittelbar davon, wenn wir zur Entwicklung der Gesellschaften in denen wir tätig sind, einen Beitrag leisten. Unsere Erfahrungen zeigen außerdem: Mitarbeiter, die sich in Projekten engagieren sind auch im beruflichen Alltag motivierter. Meine Aufgabe ist es also, auch dafür zu sorgen, das Thema gesellschaftliche Verantwortung noch stärker als bisher in das tägliche Geschäftsleben zu integrieren, damit sich noch mehr Mitarbeiter engagieren.
UD: Welche Managementstrukturen und -prozesse hat Deutsche Post DHL intern etabliert, um die Umsetzung des Themas Nachhaltigkeit voranzubringen? Welche Rolle spielt dabei der von Ihnen geleitete Zentralbereich Politik und Nachhaltigkeit?
Wend: Das Thema Umwelt- und Klimaschutz mit dem GoGreen-Programm hat ein eigenes Leitungsgremium, dessen Vorsitz der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post, Dr. Frank Appel, selbst übernommen hat. Auch beim Thema Personal wird durch die Managementstrukturen deutlich, wie wichtig dem Konzern das Thema unternehmerische Verantwortung ist, da es einen eigenen Vorstandsbereich „Personal“ gibt, der für alle personalbezogenen Nachhaltigkeitsfragen zuständig ist. Der Zentralbereich Politik und Nachhaltigkeit ist zuständig für die Gesamtstrategie zur unternehmerischen Verantwortung und hat neben dieser Koordinationsfunktion auch eine Rolle als direkter Mittler zur Vorstandsebene.
UD: In der aktuellen Diskussion werden die Themen Nachhaltigkeit und Corporate Responsibility häufig nicht klar voneinander abgegrenzt. Wie stehen diese beiden Themengebiete aus Sicht der Deutschen Post DHL zueinander?
Wend: Wir sehen Nachhaltigkeit als Teil von Corporate Responsibility. Nachhaltigkeit bedeutet für uns, dass wir uns bewusst sind, dass unsere Geschäftstätigkeit Auswirkungen auf die Gesellschaft, auf unsere Mitarbeiter, auf die Umwelt und auf das wirtschaftliche Umfeld hat und dass wir versuchen, die negativen Auswirkungen zu minimieren. Corporate Responsibility umfasst darüber hinaus auch noch Aspekte der Unternehmensführung und -kontrolle wie Transparenz, ethisches Verhalten und Respekt sowie Aktivitäten, bei denen es nicht darum geht, negative Auswirkungen zu minimieren, sondern die einen positiven Beitrag zur Entwicklung von Gesellschaften leisten.
Herr Dr. Wend, wir danken Ihnen für das Gespräch!
Zur Person: Dr. Rainer Wend (geb. 1954) ist Leiter des Zentralbereichs Politik und Nachhaltigkeit der Deutschen Post DHL. Zuvor war er als Rechtsanwalt tätig, sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Bielefeld und wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.
Weitere Artikel zum Thema:
Im Blickpunkt: Deutsche Post DHL
Kontakt
Impressum
RSS
English Version



Drucken 
Senden
Leserbrief






