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GM und der Löwe von Zion

Er war ein Streiter gegen Rassismus und Apartheid: Reverend Leon Sullivan. Der afro-amerikanische Bürgerrechtler verbesserte mit seinem Engagement entscheidend die Rechte farbiger Arbeitnehmer in den USA und Südafrika. Seine „Sullivan Prinzipien“ werden im kommenden Jahr 30 Jahre alt und sind damit eine der ältesten Leitlinien für unternehmerische Verantwortung.
Foto: GM
19.12.2005 Münster (UD) - 

Zwölf Jahre alt war er, erinnerte sich Sullivan später, als ihm klar wurde, dass er nicht tatenlos leben wolle. Damals versuchte Sullivan, eine Flasche Coca Cola in einem Geschäft zu kaufen. Der weiße Geschäftsinhaber weigerte sich und warf ihn mit den Worten „Steh auf Junge, du kannst da nicht sitzen“ hinaus. 1934 nichts ungewöhnliches: In den USA galten Rassengesetze, welche Schwarze zu Bürgern zweiter Klasse degradierten. Busfahren, Einkaufen, Schule oder Toiletten waren rassistisch getrennt. Es war ein eher belangloses Erlebnis, dass Sullivan widerfuhr, aber weil es eben so „normal“ war, erkannte der Junge die grenzenlose Grausamkeit dieser Praxis.
 
Mit 18 Jahren schlug Sullivan die Priesterlaufbahn ein. Nach einer Zwischenetappe in Harlem übernahm er 1950 die kleine Baptisten-Gemeinde Zion in Philadelphia. Schon damals bemerkte er: Viele Gemeindemitglieder arbeiteten, wurden aber miserable entlohnt. Für andere gab es wegen ihrer Hautfarbe keine Jobs. Gemeinsam mit 400 weiteren schwarzen Pfarrern der Stadt organisierte Sullivan 1957 seinen ersten Protest und wurde damit zu einem der Vorreiter der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Unter dem Motto „Don´t buy where you can´t work – Kaufe nicht dort, wo du auch nicht arbeiten darfst” riefen die Kirchenleute zum Geschäftsboykott auf. Vier Jahre dauerte die Kampagne und richtete sich gegen 29 Geschäfte. Bei einem Bevölkerungsanteil von 20% Farbiger wurde die Aktion zum Erfolg: 1962 erklärten über 300 Betriebe der Stadt, dass sie künftig Schwarze nicht weiter diskriminieren würden und boten die Schaffung von 4.400 Arbeitsplätzen an. Auch Martin Luther King wurde auf den umtriebigen Pfarrer der Zionsgemeinde aufmerksam und kopierte den Boykott in anderen Städten der USA.

Zugleich machte die Initiative aber auch deutlich, dass Farbige häufig deshalb keine Stelle fanden, weil sie schlechter qualifiziert waren. Als Antwort darauf gründete Sullivan 1964 das „Opportunities Industrialization Center“ (OIC), die erste Weiterbildungseinrichtung für Farbige. Die Erfolgsquote des Zentrums erreichte beeindruckende 90 Prozent. Das lag nicht nur an den Trainingskursen, sondern auch daran, dass das OIC erstmals umfangreiche begleitende Maßnahmen durchführte: Mitarbeiter besuchten die Lehrgangsteilnehmer in den Betrieben, sie berieten, übten aber auch zugleich sozialen Druck durch das Umfeld der kirchlichen Gemeinde aus. 1967 besuchte der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson die Einrichtung und war beeindruckt. Zweigstellen des OIC wurden daraufhin in 75 Städten der USA gegründet.

Foto: USCG/PAC/Jeff Hall

Reverend Leon Sullivan wurde dadurch in den USA zu einer Berühmtheit. Das Life Magazine zählte den „Löwen von Zion“, wie ihn Anhänger bewundernd nannten, zu den 100 wichtigsten Amerikanern. Doch sein Lebenswerk sollte erst noch beginnen: 1971 bot der größte Autokonzern der Welt, General Motors (GM), Sullivan eine Sitz im Aufsichtsrat an. Er wäre damit der erste Afro-Amerikaner, der im Machtzentrum eines der größten Unternehmen der Welt Platz nehmen könnte. Zunächst zögerte Sullivan, denn er fürchtete, sein Bürgerrechtsengagement würde dadurch unglaubwürdig. Doch das Gegenteil sollte der Fall sein: Mit Hilfe von GM konnte er sich nun viel engagierter für soziale Gleichheit einsetzen. Während seines Aufsichtsratsmandates formulierte er seine „Sullivan Prinzipien.“ Sie besagen, dass weiße und schwarze Arbeiter in Südafrika gleich zu behandeln sind. Damit stellte sich Sullivan offen gegen den Apartheidstaat am Kap und die Produktionspraxis von GM. Er stellte den GM-Aufsichtsrat vor die Wahl: Entweder man unterstütze seine Linie oder er werde zurücktreten. Zugleich drohte er damit, dass ein Boykott der Afro-Amerikaner jederzeit auch den Autobauer aus Detroit treffen könne. GM lenkte ein, doch in Südafrika nahm der Wandel nur langsam Gestalt an: Zehn Jahre nach der Formulierung der Prinzipien drängte der streitbare Baptistenprediger 1987 zu härtere Maßnahmen. Er rief Unternehmen und Politiker der USA auf, Südafrika zu boykottieren und die Produktionsstätten zu verlagern. Seine Lobbyarbeit zeitigte Erfolg: Die USA verschärften die Gangart gegenüber dem Burenstaat, zahlreiche Großkonzerne erklärten daraufhin Abwanderungspläne. 1990 schließlich kam das letzte offen rassistische System zu Fall.

In den späten 90er Jahren wurden die Sullivan Prinzipien über den Standort Südafrika hinaus erweitert, um verschiedene Aspekte der würdigen Arbeitnehmerbehandlung ergänzt und zum globalen Maßstab erklärt. Seitdem heißen sie „Global Sullivan Prinzipien“ und verstehen sich als freiwilliger Code of Conduct. So müssen etwa auch Zulieferer sich an Gesetze ihres Heimatlandes halten. Das schließt Umweltfragen, Gehälter, Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen, sowie Gesundheitsfragen und Urheberrechte ein. Im November 1999 stellte Sullivan sie gemeinsam mit UN-Generalsekretär Kofi Annan in New York der Wirtschaft und Öffentlichkeit vor. In ihrer klaren Konzeption waren sie vielleicht auch Inspiration für die weit reichenderen Global Compact-Prinzipien, die Annan im Jahr darauf begründete. Was Sullivan noch weich formuliert, weil seine Prinzipien nur die Einhaltung von nationalem Recht einfordern, wird bei Kofi Annan schärfer: Hier werden internationale Verpflichtungen wie etwa UN Normen über nationale Auflagen gestellt. 

Zu Beginn waren es gerade ein Dutzend Unternehmen, die sich den Sullivan-Prinzipien unterwarfen. Darunter neben General Motors auch IBM, 3M und die Citibank. Das Beispiel General Motors zeigt, wie Sullivans Einsatz auch in die Geschäftspraxis Eingang fand: Jährlich kauft das Detroiter Unternehmen für rund 83 Mrd. Dollar bei mehr als 3.500 Zuliefern ein. Ein Volumen, mit dem es enormen Einfluss hat auf die Arbeitsbedingungen von Zehntausenden Menschen rund um den Globus. Neben Qualität und Preis führen die Geschäftsbedingungen ausdrücklich auf, dass der Geschäftspartner die Global Sullivan Prinzipien oder vergleichbare Menschenrechtsvereinbarungen einzuhalten hat. Unzulänglichkeiten in diesem Punkt führen zum Ende der Geschäftsbeziehungen. Damit stellt GM Faktoren, die oft als „weich“ gescholten werden, auf eine Stufe  mit klassischen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen. Nachhaltiges Management erhält so eine eindeutige und weit reichende Stellung im Geschäftsprozess.

Reverend Leon Sullivan starb am 24. April 2001. Sein Lebenswerk wird heute von einer gleichnamigen Stiftung fortgesetzt. 



 

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Grafik: Husin Sani/Flickr

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Foto: Verena N./Pixelio


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