GM und der Löwe von Zion
Foto: GM
Zwölf Jahre alt war er, erinnerte sich Sullivan später, als ihm klar
wurde, dass er nicht tatenlos leben wolle. Damals versuchte Sullivan,
eine Flasche Coca Cola in einem Geschäft zu kaufen. Der weiße
Geschäftsinhaber weigerte sich und warf ihn mit den Worten „Steh auf
Junge, du kannst da nicht sitzen“ hinaus. 1934 nichts ungewöhnliches:
In den USA galten Rassengesetze, welche Schwarze zu Bürgern zweiter
Klasse degradierten. Busfahren, Einkaufen, Schule oder Toiletten waren
rassistisch getrennt. Es war ein eher belangloses Erlebnis, dass
Sullivan widerfuhr, aber weil es eben so „normal“ war, erkannte der
Junge die grenzenlose Grausamkeit dieser Praxis.
Mit 18
Jahren schlug Sullivan die Priesterlaufbahn ein. Nach einer
Zwischenetappe in Harlem übernahm er 1950 die kleine Baptisten-Gemeinde
Zion in Philadelphia. Schon damals bemerkte er: Viele
Gemeindemitglieder arbeiteten, wurden aber miserable entlohnt. Für
andere gab es wegen ihrer Hautfarbe keine Jobs. Gemeinsam mit 400
weiteren schwarzen Pfarrern der Stadt organisierte Sullivan 1957 seinen
ersten Protest und wurde damit zu einem der Vorreiter der schwarzen
Bürgerrechtsbewegung. Unter dem Motto „Don´t buy where you can´t work –
Kaufe nicht dort, wo du auch nicht arbeiten darfst” riefen die
Kirchenleute zum Geschäftsboykott auf. Vier Jahre dauerte die Kampagne
und richtete sich gegen 29 Geschäfte. Bei einem Bevölkerungsanteil von
20% Farbiger wurde die Aktion zum Erfolg: 1962 erklärten über 300
Betriebe der Stadt, dass sie künftig Schwarze nicht weiter
diskriminieren würden und boten die Schaffung von 4.400 Arbeitsplätzen
an. Auch Martin Luther King wurde auf den umtriebigen Pfarrer der
Zionsgemeinde aufmerksam und kopierte den Boykott in anderen Städten
der USA.
Zugleich machte die Initiative aber auch deutlich, dass
Farbige häufig deshalb keine Stelle fanden, weil sie schlechter
qualifiziert waren. Als Antwort darauf gründete Sullivan 1964 das
„Opportunities Industrialization Center“ (OIC), die erste
Weiterbildungseinrichtung für Farbige. Die Erfolgsquote des Zentrums
erreichte beeindruckende 90 Prozent. Das lag nicht nur an den
Trainingskursen, sondern auch daran, dass das OIC erstmals umfangreiche
begleitende Maßnahmen durchführte: Mitarbeiter besuchten die
Lehrgangsteilnehmer in den Betrieben, sie berieten, übten aber auch
zugleich sozialen Druck durch das Umfeld der kirchlichen Gemeinde aus.
1967 besuchte der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson die
Einrichtung und war beeindruckt. Zweigstellen des OIC wurden daraufhin
in 75 Städten der USA gegründet.
Foto: USCG/PAC/Jeff Hall
Reverend Leon Sullivan wurde dadurch in den USA zu einer
Berühmtheit. Das Life Magazine zählte den „Löwen von Zion“, wie ihn
Anhänger bewundernd nannten, zu den 100 wichtigsten Amerikanern. Doch
sein Lebenswerk sollte erst noch beginnen: 1971 bot der größte
Autokonzern der Welt, General Motors (GM), Sullivan eine Sitz im
Aufsichtsrat an. Er wäre damit der erste Afro-Amerikaner, der im
Machtzentrum eines der größten Unternehmen der Welt Platz nehmen
könnte. Zunächst zögerte Sullivan, denn er fürchtete, sein
Bürgerrechtsengagement würde dadurch unglaubwürdig. Doch das Gegenteil
sollte der Fall sein: Mit Hilfe von GM konnte er sich nun viel
engagierter für soziale Gleichheit einsetzen. Während seines
Aufsichtsratsmandates formulierte er seine „Sullivan Prinzipien.“ Sie
besagen, dass weiße und schwarze Arbeiter in Südafrika gleich zu
behandeln sind. Damit stellte sich Sullivan offen gegen den
Apartheidstaat am Kap und die Produktionspraxis von GM. Er stellte den
GM-Aufsichtsrat vor die Wahl: Entweder man unterstütze seine Linie oder
er werde zurücktreten. Zugleich drohte er damit, dass ein Boykott der
Afro-Amerikaner jederzeit auch den Autobauer aus Detroit treffen könne.
GM lenkte ein, doch in Südafrika nahm der Wandel nur langsam Gestalt
an: Zehn Jahre nach der Formulierung der Prinzipien drängte der
streitbare Baptistenprediger 1987 zu härtere Maßnahmen. Er rief
Unternehmen und Politiker der USA auf, Südafrika zu boykottieren und
die Produktionsstätten zu verlagern. Seine Lobbyarbeit zeitigte Erfolg:
Die USA verschärften die Gangart gegenüber dem Burenstaat, zahlreiche
Großkonzerne erklärten daraufhin Abwanderungspläne. 1990 schließlich
kam das letzte offen rassistische System zu Fall.
In den späten
90er Jahren wurden die Sullivan Prinzipien über den Standort Südafrika
hinaus erweitert, um verschiedene Aspekte der würdigen
Arbeitnehmerbehandlung ergänzt und zum globalen Maßstab erklärt.
Seitdem heißen sie „Global Sullivan Prinzipien“ und verstehen sich als
freiwilliger Code of Conduct. So müssen etwa auch Zulieferer sich an
Gesetze ihres Heimatlandes halten. Das schließt Umweltfragen, Gehälter,
Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen, sowie Gesundheitsfragen und
Urheberrechte ein. Im November 1999 stellte Sullivan sie gemeinsam mit
UN-Generalsekretär Kofi Annan in New York der Wirtschaft und
Öffentlichkeit vor. In ihrer klaren Konzeption waren sie vielleicht
auch Inspiration für die weit reichenderen Global Compact-Prinzipien,
die Annan im Jahr darauf begründete. Was Sullivan noch weich
formuliert, weil seine Prinzipien nur die Einhaltung von nationalem
Recht einfordern, wird bei Kofi Annan schärfer: Hier werden
internationale Verpflichtungen wie etwa UN Normen über nationale
Auflagen gestellt.
Zu Beginn waren es gerade ein Dutzend
Unternehmen, die sich den Sullivan-Prinzipien unterwarfen. Darunter
neben General Motors auch IBM, 3M und die Citibank. Das Beispiel
General Motors zeigt, wie Sullivans Einsatz auch in die Geschäftspraxis
Eingang fand: Jährlich kauft das Detroiter Unternehmen für rund 83 Mrd.
Dollar bei mehr als 3.500 Zuliefern ein. Ein Volumen, mit dem es
enormen Einfluss hat auf die Arbeitsbedingungen von Zehntausenden
Menschen rund um den Globus. Neben Qualität und Preis führen die
Geschäftsbedingungen ausdrücklich auf, dass der Geschäftspartner die
Global Sullivan Prinzipien oder vergleichbare
Menschenrechtsvereinbarungen einzuhalten hat. Unzulänglichkeiten in
diesem Punkt führen zum Ende der Geschäftsbeziehungen. Damit stellt GM
Faktoren, die oft als „weich“ gescholten werden, auf eine Stufe
mit klassischen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen. Nachhaltiges
Management erhält so eine eindeutige und weit reichende Stellung im
Geschäftsprozess.
Reverend Leon Sullivan starb am 24. April 2001. Sein Lebenswerk wird heute von einer gleichnamigen Stiftung fortgesetzt.
Weiterführende Links zum Thema:
Zu den Global Sullivan Prinzipien von GM
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