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Recycling macht aus Müll einen wertvollen Rohstoff

Mit dem neuen und kontrovers diskutierten Kreislaufwirtschaftsgesetz steht die Entsorgungs- und Recyclingbranche seit Monaten im Licht der Öffentlichkeit. Welche Rolle sie für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands und auch der EU haben kann, welche Chancen sich den kommunalen Unternehmen in den nächsten Jahren bieten, erläutert Patrick Hasenkamp, den Vizepräsidenten des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU).
Foto: VKU/BSR/regentaucher.com
05.01.2012 Münster (UD/pm) - Abfälle sind heute mehr denn je stoffliche beziehungsweise energetische Ressourcen. Wird die Relevanz des Abfalls heute in Politik, Verwaltung und Wirtschaft schon hinreichend wahrgenommen?

Patrick Hasenkamp: Abfall wird heute in der Tat deutlich anders wahrgenommen als in der Vergangenheit. Noch vor 20 Jahren hat sich unsere Gesellschaft frei nach dem Motto „Vergraben – Verbrennen – Vergessen“ ihrer gemischten Abfälle entledigt. Inzwischen ist die Benutzung brauner, blauer, gelber, grauer Abfallbehälter für getrennte Abfallarten vor dem Haus genauso selbstverständlich wie der regelmäßige Besuch von Recyclinghöfen und Wertstoffstationen.

Die Menschen definieren heute ihren eigenen Beitrag zum Umweltschutz überwiegend über die Trennung und Sortierung ihrer Abfälle. Öffentliche und private Wirtschaft haben aufgrund der technischen und wirtschaftlichen Grenzen unserer Energie- und Rohstoffversorgung den Wert eines optimierten Stoffstrommanagements für Industrie- und Siedlungsabfälle längst erkannt. Verwertungs- und Beseitigungsverfahren werden heute nach ihrer Klima- und Ressourcenrelevanz beurteilt.

Also haben wir schon das Optimum erreicht?

Hasenkamp: Man könnte den Eindruck gewinnen. Doch der Schein trügt: Die Diskussion um Abfälle halte ich weder für hinreichend noch für ausreichend differenziert. Wir sind zukünftig stärker gefordert, uns um die Effizienz unserer Sammlungs- und Verwertungstechnologien zu kümmern, damit auch gesamtbilanziell Rohstoff und Energieerträge effektiv zurückgewonnen werden können und nicht schon über die eingesetzte Logistik und Anlagentechnik zum überwiegenden Teil aufgezehrt werden.

In Deutschland werden heute bereits rund zwei Drittel der Siedlungsabfälle verwertet. Ist das System schon ausgereizt oder kann die Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft hier noch besser werden?

Hasenkamp: Die Quote ist eindrucksvoll, gerade auch im internationalen Vergleich.Wir sollten in der Zukunft jedoch den Mut haben, sie durchaus (selbst-)kritisch zu hinterfragen. Unsere Verwertungsquoten beziehen sich heute in der Regel nur auf die statistisch erfassten Sammelmengen, nicht auf Produktions- oder Absatzmengen. Und technische, wirtschaftliche und ökologische Effizienzkriterien spielen bei der singulären Fokussierung auf Quoten leider noch gar keine Rolle.

Nicht jeder scheinbar verwertbare Gegenstand eignet sich aufgrund seiner chemisch heterogenen Zusammensetzung nach seinem Gebrauch real für eine stoffliche Verwertung, und nicht jeder scheinbar (ver-)brennbare Abfall wird automatisch energetisch effizient verwertet!

Wir müssen also deutlich stärker differenzieren ...

Hasenkamp: Genau. Betrachten wir doch beispielsweise die gerne genannte Spielzeugente, die sich plakativ nicht verheizen lassen will: Besteht sie nicht häufig und von außen nicht erkennbar aus Kunststoffgemischen oder früher auch aus PVC-Bestandteilen? Wie können diese mit heutigen technischen Verfahren wirtschaftlich vertretbar stofflich verwertet werden? Oder Bioabfälle aus unseren Haushalten und Gärten: Sie haben separat betrachtet aufgrund der hohen Feuchtigkeitsgehalte keinen geeigneten Brennwert für eine (Mit-)Verbrennung in unsere Müllverbrennungsanlagen, aber einen ungleich höheren Nutzen für die Rückgewinnung von pflanzenverfügbaren Rohstoffen in der Kompostierung oder für die Biogaserzeugung aus der Vergärung der organischen Stoffanteile.

Sowohl bei der flächendeckenden Erfassung von Wertstoffen als auch bei der effizienten Rückgewinnung von Sekundärrohstoffen aus Abfällen gibt es also durchaus Optimierungspotenziale für zukünftig steigende Verwertungsquoten.

Gehen Sie davon aus, dass die vorgegebenen Recyclingquoten vom europäischen beziehungsweise deutschen Gesetzgeber in absehbarer Zeit erhöht werden? Wird es vielleicht sogar Quoten für weitere Materialgruppen, zum Beispiel Seltene Erden, geben?

Hasenkamp: Wenn der Einstieg in eine nachhaltige Abfallwirtschaft gelingen soll, sind geeignete und anspruchsvolle Quoten unabdingbar. Auch unter der Prämisse, dass sich Recyclingquoten nicht nur an der Erfassungsmenge von Abfällen, sondern an der Produktions- und Absatzmenge von Stoffen und Produkten messen lassen müssen, sehe ich höhere Quoten für die Siedlungsabfälle in Europa und Deutschland als realistisch an.

Dabei macht es in Hinblick auf die gewünschte Produktverantwortung der Industrie Sinn, über Quoten für rohstoffrelevante Material- und Stoffgruppen nachzudenken. Seltene Erden gehören wegen ihrer teilweise homöopatischen Dosen in sehr komplexen Materialverbindungen, zum Beispiel in Elektronikkleingeräten, eher nicht dazu. Mit den heute bekannten Technologien können sie noch nicht wirtschaftlich und ökologisch vertretbar zurückgewonnen werden. Eine differenzierte Betrachtung einzelner Metalle und Edelmetalle ist aber bereits heute durchaus umsetzbar.

Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, den Abfluss wertvoller Ressourcen, wie Altmetalle oder auch Papier und Kunststoffe, nach Fernost zu regulieren? Könnten Exportbeschränkungen der EU für einzelne Sekundärrohstoffe die Lage für die produzierenden Unternehmen in Europa verbessern?

Hasenkamp: Wenn wir unsere nationale Abfallwirtschaft als strategisch relevanten Teil künftiger Rohstoffpolitik definieren wollen, werden wir geeignete Maßnahmen zur Verhinderung von Rohstoffabflüssen nicht vermeiden können. Bei der Erfassung von rohstoffrelevanten Abfällen und Stoffen sehe ich hier den richtigen Weg in der rechtssicheren Einbindung der öffentlichen Entsorgungsträger als Garant für eine geeignete Stoffstromkontrolle.

Allerdings bin ich davon überzeugt, dass uns international betrachtet jede Form von Marktprotektionismus dauerhaft nicht weiterhilft. Ich würde hier eher auf zeitlich begrenzte staatliche Anreizsysteme vertrauen wollen, um die Entwicklung einer eigenen, technisch innovativen Sekundärrohstoffindustrie mit globaler Vorreiterfunktion zu ermöglichen.

Klimaschutz wird immer mehr auch zu einem kommunalen Thema. Müllverbrennungsanlagen wie das RZR Herten beseitigen nicht nur Schadstoffe, sie produzieren auch Strom und Fernwärme. Im Vergleich zum Einsatz fossiler Energieträger wie Kohle oder Öl helfen die Anlagen so, Klimagase zu reduzieren. Welche Entwicklungen und Chancen sehen Sie für diesen Bereich der Entsorgungswirtschaft?

Der technische Stand unserer Müllverbrennungsanlagen ist in der Tat sehr hoch. Ich gehe davon aus, dass die wenigen noch verfügbaren Potenziale für eine möglichst vollständige Kraft-Wärme-Koppelung insbesondere in den Ballungsgebieten bald ausgeschöpft und die überwiegende Anzahl der Anlagen in sinnvolle Nah- und Fernwärmenetze eingebunden sein werden.

Weitere Potenziale liegen dann in der Weiterentwicklung der Verbrennungstechnologien für die effektive Nutzung definierter heizwertreicher Materialien und Abfälle, die von nassen, zum Beispiel Bioabfällen entfrachtet worden sind.


 
Zur Person:

Patrick Hasenkamp ist Leitausschussvorsitzender der Sparte Abfallwirtschaft und Stadtreinigung VKS sowie Vizepräsident des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU). Er war von 2007 bis 2011 ehrenamtlicher Vorsitzender der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen der im VKU organisierten kommunalen Abfallwirtschafts- und Stadtreinigungsbetriebe. Hauptamtlich ist er Werkleiter der Abfallwirtschaftsbetriebe Münster.


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Grafik: Husin Sani/Flickr

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