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08.01.2016

Kritik der Grünen Ökonomie

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Das Konzept der "Grünen Ökonomie" ist für viele hier ein neues Leitbild, um eine bessere Zukunft zu erschaffen. Doch gerade von der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung kommt jetzt massiv Kritik an dem Konzept. Wie kann das sein? UmweltDialog sprach darüber mit den Autoren Barbara Unmüßig, Lili Fuhr und Thomas Fatheuer.

Das Buch "Kritik der Grünen Ökonomie" ist jetzt im oekom verlag erschienen.
Das Buch "Kritik der Grünen Ökonomie" ist jetzt im oekom verlag erschienen.

Ihr neues Buch heißt „Kritik der grünen Ökonomie“. Warum kritisiert eine grüne Stiftung grüne Ökonomie?

Ob man es will oder nicht – grüne Ökonomie ist zu einem Streitthema geworden. Denn die Debatte um eine Grüne Ökonomie greift die entscheidende Frage der Gegenwart auf: Wie können wir angesichts der aktuellen Krisen eine grundlegende soziale und ökologische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft ansteuern. Und hierzu gibt es keine einfachen Antworten und vor allem nicht die eine Wahrheit.

Zu unserem Selbstverständnis als Impulsgeberin und Denkwerkstatt gehört es, sich mit unterschiedlichen Strategien und Diskursen auseinanderzusetzen, die sich als Beiträge zur sozialen und ökologischen Transformation verstehen. Die Abkehr vom "Weiter so" ist seit langem politikfähig geworden. Aber das "Wie?" der Transformation ist umstritten. Wie wird sie definiert? Was sind ihre Instrumente und Mechanismen? Was verspricht sie? Dass dies kontrovers diskutiert, kann niemanden überraschen.

Auch innerhalb der Heinrich-Böll-Stiftung werden unterschiedliche Konzepte einer nachhaltigen, umweltfreundlichen und partizipativen Ökonomie diskutiert. Das Spektrum reicht von Entwürfen einer „Grünen industriellen Revolution“ bis zur „Kritik der Grünen Ökonomie“. Unser Buch will produktive Reibung erzeugen. Bewusst legt es keinen ausformulierten Gegenentwurf zur herkömmlichen Definition der Grünen Ökonomie vor. Wir möchten zum Nach- und Weiterdenken anregen und stellen uns der Auseinandersetzung um eine gerechte und zukunftsfähige Zukunft in unserem weltweiten Partner/innennetzwerk.

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Wir müssen also anders Wirtschaften als so zerstörerisch wie bisher. Viele fordern dafür Innovationen und neue Wege. Dagegen scheinen Sie aber auch zu sein, denn Sie sprechen im Buch von "fragwürdigen Innovationen". Können Sie das näher erläutern?

Für das Versprechen der Grünen Ökonomie ist Vertrauen und Hoffnung auf technologische Innovation zentral. Wir sagen: Klar brauchen wir Innovationen auf allen Ebenen – sozial, kulturell, technologisch und gesellschaftlich –, um die globale Transformation zu schaffen.

Innovationen, vor allem technologische, sind aber immer in ihren sozialen, kulturellen und ökologischen Kontexten zu betrachten. Denn Innovation ist kein Automatismus, kein Selbstläufer. Sie ist durch die Interessen und Machtverhältnisse der Akteure geformt. Deshalb tragen viele Innovationen nicht zur grundlegenden Transformation bei, sondern legitimieren den Status quo und verlängern häufig die Lebensdauer von Produkten und Systemen, die nicht mehr zukunftstauglich sind.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Automobilindustrie: Sie produziert zwar sparsamere Motoren, aber dafür auch immer größere, leistungsstärkere und schwerere Fahrzeuge. Gleichzeitig ist sie bereit – und das durchaus innovativ –, Manipulationen bei der Messung des Schadstoffausstoßes umzusetzen, wie jüngst der VW-Skandal zeigte. Zudem ersetzt sie fossile Treibstoffe durch sozial und ökologisch höchst problematische Agrartreibstoffe. Ist von so einer Industrie zu erwarten, dass sie Vorreiterin einer Transformation wird, die das Verkehrssystem radikal umstellt – auch auf Kosten des individuellen Autoverkehrs?

Auch im Pariser Klimaabkommen ist die Technologiefrage eine entscheidende. Das ambitionierte Ziel, die globale Erwärmung auf unter 2°C (bzw. sogar maximal 1,5°C) zu begrenzen ist auf jeden Fall richtig und wichtig. Allerdings beziehen die Szenarien des Weltklimarats (IPCC), an denen sich die Regierungen orientieren, auch umstrittene Technologien wie die Abscheidung und Speicherung von CO2 (CCS) ins Spiel sowie die Nutzung sogenannter „negativer Emissionstechnologien“. Dabei handelt es sich um Technologien des Geoengineering, also um großräumige Eingriffe ins Klimasystem. Diese Technologien sind weder entwickelt noch erprobt und würden aller Wahrscheinlichkeit nach erhebliche Risiken für Ernährungssicherheit und Biodiversität darstellen.

Innovationen verändern unser Leben, aber sie bewirken keine Wunder. Die Atomtechnologie hat nicht das Energieproblem der Welt gelöst, die grüne Revolution nicht das Hungerproblem. Die Beispiele Atomenergie, Gentechnologie oder Geoengineering zeigen, wie umstritten Technologien sein können, wenn ihre Grenzen und die sozialen wie ökologischen Schäden, die sie anrichten können, nicht vorab in allen Dimensionen und mit Sorgfalt geprüft werden. Außerdem müssen wir uns immer die Frage stellen: Wer profitiert von einer Innovation? Wer meldet das Patent an? Wer kontrolliert und entscheidet über die Anwendung und den Nutzen solcher Technologien? Die zunehmende Präsenz großer Silicon-Valley Firmen wie Google oder Facebook in der internationalen Klimapolitik gibt da auch nicht viel Grund zur Hoffnung auf den Erhalt demokratischer Entscheidungsprozesse.

Wo sehen Sie in der derzeitigen Diskussion „blinde Flecken“?

Grüne Ökonomie hat viele Blindstellen: Sie interessiert sich wenig für Politik, kaum für Menschenrechte, kennt keine sozialen Akteur/innen und suggeriert Reform ohne Konflikte. Soziale Konflikte, wie beispielsweise beim Bau von Windparks, bei der Konstruktion großer Staudämme oder bei der Frage der Eigentumsrechte an der CO2-Speicherfähigkeit von Wäldern, werden ausgeblendet.

Nach der Erkenntnis, dass es ein „Weiter so!“ nicht geben kann, dient die Grüne Ökonomie als vermeintlich unpolitisches Vehikel dazu, die Hegemonie über den Transformationsweg zu gewinnen. Dabei soll mit der Grünen Ökonomie die Frage nach wirtschaftlichen und politischen Interessen, nach Macht- und Besitzverhältnissen, nach Menschenrechten und Ressourcen der Macht möglichst ausgeblendet werden.

Ein ganz wichtiger blinder Fleck ist aber vor allem die Konzentration von Effizienz statt Suffizienz. Unsere Wirtschaft wird immer effizienter, das stimmt und ist gut so. Aber beim jetzigen Tempo wird das nicht reichen. So verbrauchen beispielweise Haushaltsgeräte weniger Energie, aber in unseren Häusern stehen mehr Geräte als früher. Dieser sog. „Rebound-Effekt“ verringert die Wirkung von Effizienzsteigerung.

Eine relative Entkoppelung von Wachstum und Energieverbrauch ist möglich und geschieht auch schon, wir brauchen aber viel mehr, um die notwendige Transformation zu erreichen: einen radikalen und absoluten Rückgang von Energie- und Materialverbrauch, und das vor allem in den Industrieländern. Diesen absoluten Rückgang zu erreichen – ohne das auf Wachstum basierende Wohlstandsmodell zu hinterfragen – ist keine realistische Perspektive. Es gibt kein plausibles Szenario, das Wachstum, absolute Verminderung des Umweltverbrauchs und mehr globale Gerechtigkeit in einer Welt von neun Milliarden Menschen glaubhaft kombiniert.

Was schlagen Sie vor? Was machen wir am Besten? Welche Konsequenzen ziehen wir?

Es fehlt nicht an Alternativen und guten Beispielen. Ökologische Landwirtschaft, auch im großen Maßstab, ist bereits Realität und hochproduktiver Wirtschaftsfaktor. Eine andere, systemisch vernetzte Mobilität, die nicht primär auf Individualverkehr beruht, emissionsfreie Automobile aber auch nicht ausschließt, ist theoretisch durchgespielt und wird bereits in Ansätzen umgesetzt.

Der Begriff der Innovation darf nicht auf den Technologie-Begriff verengt werden: Auch die Entwicklung neuer Lebensstile und neuer Formen des urbanen Zusammenlebens sind Innovation. Eine dezentrale und erneuerbare Energieversorgung liegt genauso in Reichweite von Realpolitik wie der Abbau umweltschädlicher Subventionen.

Soziale, kulturelle und technologische Innovationen müssen enger miteinander verbunden werden. Technologien müssen vor allem in ihren sozialen und ökologischen Folgen breit gesellschaftlich diskutiert und demokratisch kontrolliert werden.

Ein Begrünen der Wirtschaft durch Ressourcenschonung, Umstieg auf erneuerbare Energien, bessere Technologien und effiziente ökonomische Anreize wie Steuern ist unbestreitbar ein Teil der Lösung.

Das Projekt einer globalen sozial-ökologischen Transformation geht aber sehr viel weiter: Es muss die Machtfrage stellen, demokratisch legitimierte Entscheidungsprozesse und -strukturen priorisieren und die Einhaltung von fundamentalen Umwelt- und Menschenrechten ins Zentrum rücken.

Die Trendumkehr wird also radikaler ausfallen müssen, als dies die Grüne Ökonomie suggeriert. Das geht nicht ohne Leidenschaft und Optimismus und auch nicht ohne Kontroverse und Kampf. Das gilt übrigens auch für die nun anstehenden Debatten und Auseinandersetzungen nach dem Klimagipfel in Paris: Das Pariser Abkommen gibt uns die Möglichkeit, jetzt einen schnellen Ausstieg aus der Nutzung aller fossilen Energieträger zu fordern. Aber es bleibt dabei so vage, dass es genauso wichtig bleibt, ein Augenmerk darauf zu haben, dass da keine Irrwege und falschen Lösungen die Überhand gewinnen – also z.B. Vorschläge für mehr Atomenergie, CCS oder gar Geoengineering-Technologien. Hier muss die internationale Zivilgesellschaft wachsam und kämpferisch bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Barbara Unmüßig, Lili Fuhr, Thomas Fatheuer:
Kritik der Grünen Ökonomie
oekom verlag, München 2015
ISBN: 978-3-86581-748-8
14,95 €

Hier können Sie Publikation bestellen. Und hier gelangen Sie zum Dossier "Kritik der Grünen Ökologie".

 
Quelle: UmweltDialog

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