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21.01.2016

Verursacht Ökolandbau größere Biodiversitätsverluste als konventioneller Ackerbau?

Die weithin verbreitete Vorstellung, dass ökologischer Landbau vorteilhafter für den Erhalt der Artenvielfalt sei als konventioneller Landbau, hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Das sagt eine Studie, die die konventionelle Agrarlobby in Auftrag gegeben hat. Biobauer Felix Prinz zu Löwenstein, hält dagegen: „Wer Erträge der Betriebe vergleicht, ohne deren Standortdaten zu berücksichtigen, vergleicht Äpfel mit Birnen.“ Was ist dran an der Kritik?

Grafik zum Verlust an Artenvielfalt je Flächeneinheit bzw. je Ertragseinheit durch ökologischen und konventionellen Landbau in Deutschland.
Grafik zum Verlust an Artenvielfalt je Flächeneinheit bzw. je Ertragseinheit durch ökologischen und konventionellen Landbau in Deutschland.

Anlässlich der Internationalen Grünen Woche stellte die Forschungs- und Politikberatungsgesellschaft des Humboldt Forum for Food and Agriculture e. V. (HFFA) eine Studie vor, wonach lediglich bei einer Betrachtung, die allein die bewirtschaftete Ackerfläche zum Maßstab nimmt, Biobauern besser abschneiden. Bezogen auf den Ernteertrag (z.B. eine Tonne Weizen je Hektar) geht dagegen deutlich weniger Artenvielfalt bei konventioneller Bewirtschaftung verloren. Die Ursache dafür ist der mehr als doppelt so hohe Flächenertrag der produktiveren modernen Landwirtschaft. In Auftrag gegeben hatte die Studie der Industrieverband Agrar e. V. (IVA).

Für die Studie hatte der Autor und Geschäftsführer der HFFA Research GmbH, Dr. Steffen Noleppa, Daten aus dem Testbetriebsnetz des Bundeslandwirtschaftsministeriums ausgewertet, um die Ertragsunterschiede zwischen ökologischem und konventionellem Landbau in Deutschland zu bestimmen. Im gewogenen Mittel aller Ackerbaukulturen erzielte der ökologische Landbau in den Wirtschaftsjahren 2010/11 bis 2013/14 durchschnittlich 51 Prozent geringere Erträge - was im Umkehrschluss bedeutet, dass der Flächenbedarf für die Herstellung der gleichen Erntemenge mehr als doppelt so hoch war.

Weniger groß sind dagegen die Unterschiede bei den Verlusten an Artenvielfalt, die die beiden Bewirtschaftungsformen nach sich ziehen, wie eine im Rahmen der Studie vorgenommene Auswertung einschlägiger wissenschaftlicher Studien zeigte. Verglichen mit einem natürlichen Ökosystem weist eine Agrarfläche in ökologischer Bewirtschaftung bereits eine durchschnittlich um 67 Prozent geringere Artenvielfalt auf; denn auch der Bio-Bauer schützt sinnvoller Weise durch zahlreiche Maßnahmen seine Kulturpflanzen vor Unkräutern, Pilzen oder Schädlingen. Durch die Eingriffe im konventionellen Landbau, zu denen auch Maßnahmen des chemischen Pflanzenschutzes gehören, geht die Artenvielfalt im Mittel um 86 Prozent gegenüber einem natürlichen Ökosystem zurück.

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Ertrag, nicht Fläche als Messgröße nehmen

Bei der vergleichenden Bewertung der Effekte von ökologischem und konventionellem Landbau auf die Artenvielfalt braucht es nach Ansicht von Noleppa eine mehrdimensionale Perspektive. Eine eindimensionale, nur auf die Fläche bezogene Betrachtung übersieht das primäre Ziel des Ackerbaus, nämlich die Produktion von Nahrungsmitteln und anderen Agrarrohstoffen. Angemessen ist nach Auffassung des Wissenschaftlers daher, die Biodiversitätsverluste in Beziehung zu setzen zur Erntemenge je Flächeneinheit. Berücksichtigt man die deutlich höheren Flächenerträge im konventionellen Anbau, zeigt sich dann, dass der ökologische Landbau einen um 55 Prozent größeren Verlust an Artenvielfalt je Ertragseinheit verursacht.

Der Agrarökonom Noleppa veranschaulicht mit einem Beispiel, warum diese mehrdimensionale Betrachtung erforderlich ist: "Wenn wir den Spritverbrauch eines Linienbusses mit dem eines PKW vergleichen, schneidet bei eindimensionaler Betrachtung das Auto immer besser ab. Aber kein vernünftiger Mensch würde deshalb dem Individualverkehr Vorrang einräumen, denn viel wichtiger ist die Frage, wie viele Menschen für die gleiche Menge Diesel oder Benzin befördert werden. Da gewinnt der Bus, weil er die Ressource Treibstoff effizienter einsetzt als der PKW." Analog, so Noleppa, müsse auch bei der Bewertung landwirtschaftlicher Methoden auf die relevante Zielgröße abgestellt werden - nämlich nicht auf die kultivierte Fläche allein, sondern auf den Ertrag pro Fläche.

In der EU-Zulassungsverordnung 1107/2009 hat der europäische Gesetzgeber vorgegeben, dass Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf die biologische Vielfalt und das Ökosystem zu berücksichtigen sind, soweit es wissenschaftlich anerkannte Methoden dafür gibt. "Alle bisher bekannten Ansätze dazu bleiben eindimensional, weil sie allein auf die Agrarflächen abstellen, die Ertragseffekte aber ausblenden. Das ist nicht nur sachfremd, sondern womöglich auch kontraproduktiv: Denn je Ertragseinheit, z.B. einer Tonne Weizen je Hektar, verursacht moderner Ackerbau in Deutschland geringere Verluste an Biodiversität als der Ökolandbau oder Importe aus anderen Weltregionen", kommentierte IVA-Präsident Dr. Helmut Schramm die HFFA-Studie: "Wir brauchen eine mehrdimensionale Bewertung der Effekte, die die moderne Landwirtschaft und ihr Pflanzenschutzeinsatz auf die regionale und globale Biodiversität haben."

Biobauern klagen, Daten werden missbraucht

Der Vorsitzende des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, Felix Prinz zu Löwenstein, hält dagegen und kommentiert: „Der IVA missbraucht die Daten des Thünen-Instituts für pseudowissenschaftliche Propaganda. Denn die Testbetriebs-Daten, die für den Vergleich heran gezogen wurden, dienen dem Institut für einen betriebswirtschaftlichen Vergleich, geben jedoch keine Auskunft über naturräumliche oder klimatische Gemeinsamkeiten von Betrieben. Wenn der IVA die Erträge der Betriebe vergleicht, ohne deren Standortdaten zu berücksichtigen, vergleicht er Äpfel mit Birnen.

Völlig außen vor lässt der IVA die Tatsache, dass die intensive konventionelle Landwirtschaft erhebliche Zusatzkosten verursacht, weil Gewässer verschmutzt und dem Klimawandel mit schädlichen Emissionen eingeheizt wird, Artenvielfalt und fruchtbare Böden zerstört werden. Ökolandbau schützt Ressourcen und belebt den ländlichen Raum. Wenn man über Flächeneffizienz redet, darf man diese wesentlichen Aspekte der Wertschöpfung nicht vernachlässigen.

Wie man Erträge richtig vergleicht, hat 2014 die kalifornische Berkeley-Universität vorgemacht. Sie wertete über 100 Studien zu Ertragsunterschieden aus. Die Forscher bestätigten, dass Ertragsunterschiede vor allem auf Hochertragsstandorten bei Cash-Crops wie Weizen bestehen. Bei Futterpflanzen oder unter schwierigen Anbaubedingungen sind die Unterschiede zwischen Bio- und konventionellen Erträgen deutlich geringer. In vielen Regionen der Welt ernten Landwirte mit innovativen Systemen ökologischer Intensivierung mehr.“

 
Quelle: UD/pm

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