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Dienstag, 06.Dezember 2016

16.06.2014

Nachhaltiger Apfelsaft schafft Arbeitsplätze

Sozial, fair und regional: So produziert Christian Langrock Apfelsäfte direkt aus „Nachbars Garten“, wie der Markenname verrät. Gemeinsam mit Jan Schierhorn ist er Geschäftsführer der gemeinnützigen GmbH “Das Geld hängt an den Bäumen“. Obst, das sonst in Hamburger Hausgärten und Streuwiesen verderben würde, erntet das Unternehmen in Zusammenarbeit mit Hamburger Behindertenwerkstätten. Die Mitarbeiter werden aus den Einnahmen des Saftvertriebs bezahlt und erhalten durch ihre Tätigkeit Zugang zum ersten Arbeitsmarkt.

Christian Langrock erntet Äpfel.
Christian Langrock erntet Äpfel.

SBA-Initiative: Herr Langrock, Sie kommen aus der IT-Branche und sind nun als selbstständiger Jungunternehmer in der Lebensmittelbranche aktiv. Ein krasser Wandel. Was begeistert Sie an der Lebensmittelbranche so sehr?

Christian Langrock: Ja, es ist sicherlich nicht sehr naheliegend, von der eCommerce-Branche in den Lebensmittelbereich zu wechseln. Dass ich heute mit Lebensmitteln zu tun habe, passierte eher zufällig. Als ich mich umorientierte, ging es mir in erster Linie darum, etwas für mich Sinnvolles zu tun. Ich hatte im Wirtschaftsmagazin BrandEins einen Artikel über das Projekt gelesen und war sofort von der Idee begeistert, Menschen, die eher am Rand der Gesellschaft stehen, eine berufliche Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt zu geben. Es spielte für mich eine eher untergeordnete Rolle, dass es sich bei dem Produkt um Apfelsaft handelte. Mittlerweile finde ich den Sektor aber mehr als spannend, zumal er eine optimale Verbindung der Aspekte sozial, nachhaltig und lokal erlaubt. Denn genau das macht unseren Saft besonders. „Normale“ Apfelsäfte gibt es ja viele.

Ihr Unternehmen heißt „Das Geld hängt an den Bäumen“. Was genau verbirgt sich hinter dem Namen?

Langrock: Es ist ein eher ungewöhnlicher Name für ein Unternehmen. Lang, sperrig, doppeldeutig. Aber er ist genau wie wir. Er fällt auf, hat Ecken und Kanten, man versteht nicht gleich, was dahinter steckt. Aber wenn die Menschen die Geschichte des Projekts kennenlernen, leuchtet ihnen der Name ein. Er beschreibt unser Prinzip: Aus Äpfeln, die nicht geerntet würden, machen wir Saft und damit Geld. Und finanzieren so die Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter. Und unser Name hat noch einen Vorteil: Wer ihn einmal gehört hat, vergisst ihn nicht so schnell.

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Das Obst stammt aus Hausgärten und von Streuwiesen. Wie beschaffen Sie sich konkret das Obst und welche Erfahrungen haben Sie dabei schon gemacht?

Langrock: Unser Obst stammt aus mehreren Quellen. Angefangen haben wir mit selbst geernteten Äpfeln aus Hamburger Privatgärten. Dann kamen öffentliche Gärten dazu, Ausgleichsflächen der BSU und Streuobstwiesen von ehemaligen Apfelbauern. Alle haben das gleiche Problem: Sie können die Äpfel nicht komplett selbst verwerten. Eine weitere Quelle sind Apfelspenden von Apfelbauern aus der Hamburger Region, die unser Projekt so unterstützen. Drittens kaufen wir Ware aus Umstellungsbetrieben (Apfelbauern, die von konventionellem Anbau auf Bio umstellen), um in schlechten Apfeljahren (wie letztes Jahr eines war) die Mengen ausgleichen zu können.

Wo und wie werden die Säfte verkauft und was müssen Sie bei der Qualitätssicherung beachten?

Langrock: Wir vertreiben unseren Saft hauptsächlich im persönlichen Direktvertrieb. Das heißt, wir beliefern einen Großteil unserer Hamburger Kunden direkt. Unser Kundenstamm reicht von Privatkunden über Firmenkunden und Wiederverkäufern bis hin zu Cafés, Hotels und Gastronomen. Das schafft im wahrsten Sinne des Wortes Nähe zum Kunden – und durch das Auslassen des Handels verlängern wir die Wertschöpfungskette. Qualität und Qualitätssicherung sind wichtige Punkte für uns. Unsere Kunden erwarteten ein Premiumprodukt. In der Produktion achtet unser Slow Food-Vermoster, Uwe Engelmann, darauf, dass wir nur gute Äpfel vermosten. Wir mussten einiges lernen, bis wir unser heutiges Niveau erreicht haben. Nach der Abfüllung und unmittelbar vor dem Verkauf, bei der Etikettierung, werden unsere Flaschen noch einmal einzeln per Sichtkontrolle kontrolliert. Zusätzlich haben wir dieses Jahr beim Fresenius Institut einen Labortest unseres Safts machen lassen. Der hat dessen Qualität bestätigt – er würde sogar den strengen Auflagen für Babynahrung genügen. Auch wenn wohl kein Baby seine Muttermilch gegen Apfelsaft tauschen würde.

Über das Unternehmen "Das Geld hängt an den Bäumen"

Mit Äpfeln Arbeitsplätze schaffen - Die Idee ist einfach, die Geschichte kurz: Äpfel, die überall an den Bäumen hängen bleiben, werden durch eine gärtnermeisterlich betreute Gruppe von Beschäftigten mit Behinderung geerntet und bei einer Slow-Food-Mosterei zu naturtrübem Direktsaft verarbeitet. Der Erlös fließt zu 100 Prozent zurück in das Projekt und finanziert so die Arbeit die Mitarbeiter. Ziel der Unternehmung ist es, Arbeitsplätze für behinderte Menschen und andere „soziale Randgruppen“ auf dem ersten Arbeitsmarkt zu schaffen.

Mehr Informationen über "Das Geld hängt an den Bäumen" finden Sie hier.

Nachhaltigkeit in der Lebensmittelnutzung und –verarbeitung ist bei den Konsumenten ein zentrales und aktuelles Thema, erschöpft sich darin aber nicht. Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit?

Langrock:
Zum Beispiel, dass wir unsere großen 0,75-Liter-Einwegflaschen in einem geschlossenen Pfandsystem mehrfach nutzen. Dank einer Kooperation mit der Holsten-Brauerei lassen wir dieses Jahr zum ersten Mal dort unsere kleinen 0,25-Liter-Flaschen reinigen und befüllen sie ebenfalls mehrfach. Das schont die Umwelt. Außerdem verkaufen wir unsere Waren lokal in Hamburg: Mittelfristig wollen wir unser Konzept durch Kooperationen auch an anderen Standorten umsetzen. So kann auch in anderen Städten regionaler Apfelsaft entstehen und Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen schaffen. Aber Nachhaltigkeit bedeutet uns noch mehr. Sie betrifft ja nicht nur Produkt und Rohstoffe, sondern auch alle andern Unternehmensprozesse. Von kleinen Dingen wie dem elektronischen Rechnungsversand bis zum Kauf eines Elektroautos als nächstes Auslieferfahrzeug. Wir sind da sicherlich noch nicht perfekt und es bleibt eine Menge zu tun, aber wir haben großes Bewusstsein für diese Fragen.

Ganz bildlich gesprochen: Welche Früchte trägt die Zusammenarbeit mit den Behindertenwerkstätten? Sind Ihre Pflücker stolz, ihr Produkt am Ende in den Händen zu halten?

Langrock: Ja! In vielen Situationen spüren wir, dass die Beschäftigten der Elbe-Werkstätten und unsere eigenen Mitarbeiter stolz sind auf das Resultat ihrer Arbeit. Wir spüren das zum Beispiel, wenn die Kollegen an Verkostungsständen oder auf Veranstaltungen mit Kunden ins Gespräch kommen – und ihnen voller Stolz erzählen, dass sie diesen Saft gemacht haben und wir Millionen von Litern davon produzieren. Da werden manchmal auch Fakten verdreht, aber ihre Freude ist in dieser Situation wichtiger – und, dass sich in solchen Unterhaltungen manche Hemmschwelle gegenüber Menschen mit Behinderungen löst. Das ist ein schöner Zusatzeffekt.

Der Geschäftsführer von "Das Geld hängt an den Bäumen".
Der Geschäftsführer von "Das Geld hängt an den Bäumen".

Sicherlich wurden Sie im Laufe der Zeit vor verschiedene Herausforderungen gestellt. Was sehen Sie als die größte Hürde an, die es zu überwinden galt bzw. gilt?

Langrock: Herausforderungen gibt es in der Tat viele. Eine der Größten war für mich zu verstehen und zu akzeptieren, dass unser Laden nicht nach denselben Regeln funktioniert, die ich in meinem bisherigen Berufsleben gelernt hatte. Höher, schneller, weiter ist bei einem sozialen Projekt fehl am Platz. Geduld ist viel wichtiger. Und man muss immer wieder versuchen, jeden dort abzuholen, wo er sich gedanklich befindet. Das fällt mir bis heute nicht immer leicht.

Seit einiger Zeit werden Sie von den Sustainable Business Angels begleitet. Was haben Sie bisher gemeinsam erreicht und was wünschen Sie sich für die kommenden Monate?

Langrock: Wir sind sehr froh, dass wir die Beratung der Sustainable Business Angels nutzen dürfen. Ein riesiger Vorteil für uns ist, dass es erfahrene nachhaltige Unternehmer sind, die gemeinsam mit uns unser Geschäftsmodell reflektieren. Denn wir brauchen keine Unternehmensberater, die nur auf die Zahlen sehen und nach Optimierungspotential suchen. Die SBAs standen selbst vor vielen Jahren vor ähnlichen Herausforderungen wie wir heute. Wir können von ihrem Erfahrungsschatz profitieren. Bisher ist viel Zeit in die Analyse unserer aktuellen Situation geflossen. An den kommenden Beratungstagen geht es dann mehr in Richtung Zukunftsplanung.

Wo stehen Sie mit Ihrem Unternehmen in zehn Jahren?

Langrock: Hoffentlich in vielen Regionen Deutschlands! Wir wollen auch in anderen Gegenden Deutschlands lokalen, sozialen und nachhaltigen Apfelsaft produzieren und vertreiben. Aber es wird auch viele weitere Produkte geben, die wir aus Rohstoffen oder Dingen fertigen, die ansonsten an den Bäumen hängen blieben oder auf dem Müll landeten. Unser Ziel ist, möglichst viele Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen. Aber wir wollen gemäßigt und nachhaltig wachsen. Denn wir tragen eine große Verantwortung – scheitert unser Projekt, gibt es kaum Job-Alternativen für unsere Mitarbeiter.

Vielen Dank für das Interview!

Über die Initiative „Sustainable Business Angels“

Innovative Ideen und verantwortungsbewusstes Unternehmertum sind notwendig auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung unserer Gesellschaft. Die erfahrenen Unternehmer der Initiative “Sustainable Business Angels” (SBA) begleiten und unterstützen daher junge Unternehmer mit ihrem Know-how, ihrem Ideenreichtum und ihren Netzwerken. Darüber hinaus entwickelt die Initiative gemeinsam mit unabhängigen Experten Leitlinien, die aufzeigen sollen, wie eine frühzeitige Umsetzung von Corporate Social Responsability (CSR) in die Unternehmensprozesse erreicht und begutachtet werden kann.

Die Initiative wird getragen von der RhönCampus e.G., der memo AG, der macondo publishing GmbH und dem Institut für Nachhaltigkeitsmanagement. Förderpartner sind das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und der Europäische Sozialfond (ESF). In 2013 erhielt die Initiative die renommierten Auszeichnungen „Werkstatt N Impuls“ des Rates für Nachhaltige Entwicklung und „Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung“ der UNESCO.

Mehr Informationen über die SBA-Initiative finden Sie hier.

 
Quelle: UmweltDialog

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