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20.12.2010

Unterwegs in den Textilfabriken Bangladeschs: Die „Social Officer“ der Otto Group

23 Tote forderte erst kürzlich wieder ein Brand in einer Textilfabrik in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Die Opfer konnten dem Gebäude nicht entfliehen, um sich vor dem Feuer zu retten. Vorfälle wie diese häufen sich in Bangladesch: Zahlreiche Fabrikbesitzer ignorieren Sicherheitsvorkehrungen und überfüllen ihre Gebäude mit Arbeitern, um so viel wie möglich produzieren zu können - und das so günstig wie möglich. Derartige Fabriken will der Versandhändler Otto unter seinen Lieferanten vermeiden. Er setzt dafür sogenannte „Social Officer“ ein, um die Unternehmen vor Ort zu überprüfen. Maren Böhm begleitet als Manager Corporate Responsibility Buying Markets die Arbeit der Social Officer und sorgt dafür, dass diese die definierten Standards erfolgreich in den Einkaufsmärkten umsetzen. Ihre Aufgabe ist es auch, sich ein Bild von den Lebensumständen der Fabrikarbeiter zu verschaffen. Das ZDF hat sie bei einem ihrer Besuche in Bangladesch begleitet.

Maren Böhm, Social Officer bei Otto, in Bangladesch. Foto: Otto Group
Maren Böhm, Social Officer bei Otto, in Bangladesch. Foto: Otto Group
Maren Böhm hat gerade schwierige Verhandlungen mit einem der Fabrikbesitzer hinter sich, die für Otto produzieren. Sie ist unzufrieden: „Mich ärgert es, wenn ich einen Tag in einer Fabrik verbracht habe, dessen Management und Arbeiter sich einsichtig zeigen, aber ich das Gefühl habe, dass sie sich freuen, wenn ich rausgehe und sich denken, so schnell kommt sie nicht wieder.“ In der ZDF Fernsehdokumentation „Nähen bis zum Umfallen“ gibt Maren Böhm Einblick in ihre Arbeit als Sozialprüferin. In der Fabrik, die sie soeben besucht hat, gab es immer wieder Probleme bei der Feuersicherheit. Nach den ersten beiden Kontrollen hatte sich das Werk zwar verbessert, doch die von Otto gestellten Anforderungen werden aktuell immer noch nicht erfüllt. Die langen Reihen von Tischen, an denen die Näherinnen sitzen, versperren teilweise die Fluchtwege. Bei ihrem letzten Besuch konnte Böhm durchsetzen, dass Produktionslinien herausgenommen werden. Die stehen jetzt jedoch wieder an Ort und Stelle. Böhm geht zu einer Reihe von Näherinnen. Inmitten von Stoffen sitzen sie dicht gedrängt an ihren Nähmaschinen. Am Ende der Reihe sitzt ein Mädchen direkt an der Wand, sie ist hinter den Stoffbergen kaum zu sehen. „Wie kommt dieses Mädchen dort raus“, fragt Maren Böhm den Fabrikbesitzer. Der zeigt auf die Sitznachbarin des Näherin: „Sobald die hier raus ist, dann kommt die andere automatisch raus“, sagt er. Das überzeugt Böhm nicht. Der Weg sei versperrt, beharrt sie. Das könne man so sehen, meint der Fabrikbesitzer und liefert seine Lösung: Im Notfall stürmen alle heraus, dann sei der Weg auch für das Mädchen am Ende der Reihe frei. „Genau das ist das Problem, und dann fällt jemand hin“, widerspricht Böhm. Der Fabrikbesitzer geht nicht weiter darauf ein und versucht Maren Böhm zu beschwichtigen: „Wir bemühen uns, das Problem zu lösen“.

Maren Böhm hat jedoch genug gehört und gesehen: „Ich denke, dass können wir so nicht mehr akzeptieren“, sagt sie nach dem Besuch der Fabrik den Reportern des ZDF. Denn welche Konsequenzen fehlende Sicherheitsvorkehrungen haben können, zeigt der aktuelle Fall des Brandes in der Textilfabrik in Dhaka: Das Feuer brach im neunten und zehnten Stockwerk des Gebäudes aus. Nach Angaben eines Polizeisprechers seien die meisten Opfer erstickt oder starben bei dem Versuch, sich mit einem Sprung aus dem Fenster vor den Flammen zu retten.

Sozialstandards bei den Lieferanten verankern

Die ganz in rot gekleidete Arbeiterin zeigte Maren Böhm ihr zu Hause. Foto: Otto Group
Die ganz in rot gekleidete Arbeiterin zeigte Maren Böhm ihr zu Hause. Foto: Otto Group
Würde sich ein Vorfall wie dieser in einer der von der Otto Group beauftragten Fabriken ereignen, könnte das dem Image des Versandhändlers großen Schaden zufügen. Schon aus diesem Grund prüft Otto genau, welche Fabriken das Unternehmen als Lieferanten beschäftigt. Dabei kommen externe Auditierungen und intensive Qualifizierungs- und Schulungsmaßnahmen zum Einsatz, erklärt Sibylle Duncker, Teamleiterin Social Compliance bei Otto. Zudem unterstützen die insgesamt 18 Social Officer die Lieferanten vor Ort bei der Einführung und Festigung wirkungsvoller Sozialmanagement-Strukturen. Um mehr Transparenz über die Sozialperformance der Lieferanten zu schaffen, führt Otto außerdem eine konzernweit zugängliche Datenbank. Sie enthält detaillierte Daten zu den Fabriken, Audit-Ergebnisse und Informationen zu sogenannten „Pre-Scans“ - den Vorabprüfungen neuer Lieferanten sowie den „Follow Ups“ - den nachfolgenden Prüfungen. Dabei dient die Datenbank auch als Frühwarnsystem für notwendige Maßnahmen zur Einhaltung der Sozialstandards, in dem sie entsprechende „Action Indicators“ automatisch berechnet. Um sicherzugehen, dass die Sozialstandards umgesetzt und eingehalten werden, muss sich Otto auf seine Social Officer und die Arbeit von Maren Böhm verlassen. Von Seiten der Regierung Bangladeschs sind diese Anforderungen keine Pflicht.

Kein Vergleich mit westlichen Standards

„Wenn die Regierung alle Fabriken Bangladeschs zwingen würde, die Sozialstandards einzuhalten, müssten 50 Prozent der Unternehmen schließen. Sie machen einfach nicht genug Gewinn dafür“, erklärt der Fabrikbesitzer M.A. Kamal. Maren Böhme kennt ihn seit vielen Jahren und besucht ihn ebenfalls in seiner Fabrik. Neben den Arbeitsbedingungen der Arbeiter interessiert sich die Sozialprüferin auch für ihre Lebensumstände. Um sich davon einen Eindruck zu verschaffen, bittet sie eine der Arbeiterinnen, sie nach Hause begleiten zu dürfen. Sie erklärt sich einverstanden und führt Maren Böhm vorbei an verfallenen Hütten und Häusern, durch sandige Gassen, auf denen der Müll verteilt liegt, zu ihrer Wohnung. Ihr Wohnbereich besteht aus einem kleinen Zimmer, ihr Sohn hat ein eigenes, sogar mit Fernseher. Das Haus teilen sie sich mit anderen Bewohnern, ebenso wie die Toilette und die Küche - einem kleinen Raum mit zwei Herdplatten und zwei Töpfen. Nach westlichen Standards gleicht das einer Baracke, doch dieser Vergleich hält in Bangladesch nicht stand. Wer wie diese Arbeiterin in einer Fabrik wie der von M.A. Kamal beschäftigt ist, sei „aus dem Gröbsten raus“, sagt Maren Böhm. Man könne diese Arbeiter „sicherlich zur unteren Mittelschicht zählen“.

Lesen Sie morgen den 2. Teil zum Thema „Unterwegs in den Textilfabriken Bangladeschs“.
 
Quelle: UD

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