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04.07.2008

Vom Treibhausgas zum Gewächshausgas: CO2-Recycling bei Linde

In den meisten Branchen steht die Vermeidung von Kohlendioxidemissionen ganz oben auf der Agenda. Nicht so in der Agrarwirtschaft: Viele Gewächshausbetreiber werfen sogar im Sommer ihre Erdgasöfen an, um mit dem so produzierten CO2 das Wachstum ihrer Pflanzen zu beschleunigen. Mit der Unterstützung des Linde-Unternehmens Hoek Loos haben zwei niederländische Ingenieure ein Projekt gestartet, bei dem Gewächshäuser mit dem CO2 einer nahegelegenen Raffinerie beliefert werden.

Vor dem Hintergrund des Klimawandels mutet es beinahe wie ein schlechter Witz an: Ausgerechnet in der wärmsten Jahreszeit, nämlich mitten im Sommer, verbrauchten viele niederländische Gewächshausbetreiber bis vor kurzem einen Großteil ihrer Heizkosten. Der Grund: Um zu wachsen, brauchen Pflanzen Kohlendioxid. Je mehr sie bekommen, desto besser. Also warfen die Landwirte die Öfen an und leiteten die Abgase ins Innere ihrer Gewächshäuser. Vor allem in den Sommermonaten, denn da ist die Nachfrage erfahrungsgemäß am höchsten. Dieser Umstand erscheint umso paradoxer, wenn man sich vor Augen führt, dass ein Großteil der niederländischen Gewächshäuser in der Provinz Zuid-Holland steht - in unmittelbarer Nähe zu den Industriezentren Amsterdam und Rotterdam, wo gleich mehrere Öl-Raffinerien genau jenes Gas in die Atmosphäre blasen, welches die Landwirte so dringend benötigen.
 
Für die beiden holländischen Ingenieure Hans Tiemeijer und Jacob Limbeek lag die Lösung dieses Umwelt-Dilemmas auf der Hand. „Gemeinsam kamen wir Ende der 90er-Jahre auf die Idee, das CO2 aus Erdöl-Raffinerien abzuzweigen und in die Gewächshäuser zu leiten“, erinnert sich Limbeek in einem Interview mit der Berliner Zeitung. Das Konzept nahm konkrete Züge an, als die beiden Ingenieure bei Nachforschungen auf eine bereits Mitte der 80er-Jahre stillgelegte Ölpipeline stießen, die von dem kleinen Rotterdamer Vorort Pernis quer durch die Provinz Zuid-Holland nach Amsterdam führt. Da die über 85 Kilometer lange Leitung überwiegend intakt war, lag es nahe, sie für den CO2-Transport wieder aufzubereiten. Das Einzige, was Limbeek und Tiemeijer zur Umsetzung des Projektes fehlte, waren Partner mit entsprechendem technischen Know-how sowie das nötige Kapital.
 
Organisches CO2-Recycling
 
Doch die Suche nach Investoren verlief zunächst erfolglos. Schließlich ließen sich im Spätsommer 2004 die Baufirma VolkerWessels und die niederländische Linde-Tochter Hoek Loos von dem Konzept überzeugen. Beide Unternehmen gründeten ein Joint Venture mit dem Namen OCAP („Organisches CO2 für die Assimilation in Pflanzen“) und stellten 100 Millionen Euro als Startkapital zur Verfügung. „Man muss schon Visionen haben, um ein solches Projekt zu starten und das Risiko zu tragen“, wird Don Huberts, General Manager von Hoek Loos, im Mitarbeitermagazin ‚Linde Technologie’ zitiert. „Wir entschieden uns dafür, nicht zuletzt weil wir uns als Unternehmen verstärkt gesellschaftlich wichtigen Aufgaben widmen wollen“, fügt Huberts hinzu.
 
Nachdem die nötigen behördlichen Genehmigungen eingeholt worden waren, ging alles recht schnell. Zunächst überzeugten die OCAP-Verantwortlichen den Öl-Konzern Shell davon, seine Raffinerie in Pernis an die Pipeline anzubinden. Das Bauunternehmen VolkerWessels kümmerte sich daraufhin um die Reinigung der Rohrleitungen und die Anbindung an die potenziellen Kunden. Schließlich installierten die Spezialisten von Hoek Loos eine Kompressorstation auf dem Gelände der Shell-Raffinierie, die das Kohlendioxid für den Transport auf das 22fache verdichtet. Gut 105 Tonnen CO2 pro Stunde können so in die Pipeline eingespeist werden, in Spitzenzeiten sogar 160 Tonnen.
 
Hohe Nachfrage
 
Das Projekt wurde ein voller Erfolg: Knapp 400 Gewächshausbetreiber schlossen bei Bekanntwerden des Projekts Vorverträge ab - das entsprach in etwa 60 Prozent aller infrage kommenden Betriebe. Gut ein Jahr nach dem ersten Spatenstich im März 2005 zählte OCAP bereits 500 Abnehmer. Damit entwichen nach Angaben der Linde Group seit der Inbetriebnahme im September 2005 170.000 Tonnen Kohlendioxid weniger in die Atmosphäre. Das entspricht einer Menge von 95 Millionen Kubikmetern Erdgas, die ansonsten in den Gewächshausöfen verfeuert worden wären.
 
Doch Umwelt- und Ressourcenschonung sind nur zwei von mehreren Gründen, warum es für OCAP-Initiator Limbeek bei dem Projekt ausschließlich Gewinner gibt: „Erstens wird Shell seine CO2-Emissionen auf eine sehr elegante Weise los. Zweitens können die Gemüsebauern ihre Öfen im Sommer abstellen. Drittens wachsen die Pflanzen besser. Und viertens sparen die Bauern dabei rund 25 Prozent im Vergleich zur CO2-Produktion in Gasöfen", zog er in der Berliner Zeitung ein positives Zwischenfazit. Zudem sei das aus der Raffinerie gelieferte CO2 nahezu rein. Im Unterschied dazu könnten die Abgase der Gewächshausöfen Spuren von Erdgas und Stickoxiden enthalten, auf die manche Pflanzen empfindlich reagieren, so Limbeek. Da ist es kein Wunder, dass der heutige OCAP-Geschäftsführer durchaus optimistisch in die Zukunft blickt. „Wir können noch viel mehr erreichen. Auch in der Region von Aalsmeer, südlich von Amsterdam, gibt es viele Gewächshäuser - und die Pipeline führt nah an diesem Gebiet vorbei.“

 
Quelle: UD

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