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12.11.2007

Zum Stand der Debatte um die CSR-Norm ISO 26000

Mehr als 400 Delegierte aus aller Welt suchen derzeit bei der 5. Vollversammlung der Working Group "Social Responsibility" der Internationalen Normungsorganisation ISO im Austria Center Vienna nach umfassendem Konsens über die Inhalte des künftigen Standards für gesellschaftlich und ökologisch verantwortliches Handeln von Unternehmen und Organisationen. Mit Hochdruck wurde bis 9. November 2007 an der Internationalen Norm ISO 26000 gearbeitet. Denn 2009 soll sie fertig sein.

Die Erwartungen sind naturgemäß hoch und bei den einzelnen Stakeholdern recht unterschiedlich ausgeprägt. Das Österreichische Normungsinstitut ON hat unter den österreichischen Delegierten nachgefragt und ihre Standpunkte erkundet. Dr. Eva Angerler von der Gewerkschaft der Privatangestellten - Druck, Journalismus, Papier geht es in dem Zusammenhang vor allem darum, die Interessen von Arbeitnehmern einzubringen und sicherzustellen, dass gesetzliche Anforderungen nicht unterlaufen werden. Den Sinn einer Guideline über soziale Verantwortung sieht Angerler vor allem auf internationaler Ebene. Mit der ISO 26000 werde ein internationales Regelwerk geschaffen, das über die derzeit unterschiedlichen Niveaus von Regulierungen gelegt werden soll. Auf jeden Fall müsse die Norm ihrer Meinung nach über bestehende Arbeitnehmergesetze hinausgehen. Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen zu viele "Kann- oder Soll-Bestimmungen" im derzeitigen Arbeitspapier. Wenn Glaubwürdigkeit und Transparenz gegeben sind, ist das nach Ansicht Angerlers aber ein großer Schritt vorwärts. Konkret meint sie, dass es "bei dieser Norm gelingen müsste, wirklich klar zu definieren, was es bedeutet, wenn ein Unternehmen von sich behauptet, sozial und gesellschaftlich verantwortlich zu handeln". Ihr Wunsch: Eine klare Überprüfbarkeit der Aktivitäten, die ein Unternehmen setzt, durch eine externe, unabhängige Instanz und durch interne Evaluierung unter Einbindung von Mitarbeitern und Arbeitnehmervertretungen.

Verbraucher erwarten eine "Art Pickerl"

Großes Interesse der Verbraucher an Informationen über das soziale und umweltrelevante Verhalten von Unternehmen ortet der langjährige Geschäftsführer des Vereins für Konsumenteninformation VKI und Vorsitzende des Verbraucherrats im Österreichischen Normungsinstitut, Dipl.-Ing. Hannes Spitalsky. Verbraucher würden sich eine "Art Pickerl auf Produkten" erwarten, ähnlich wie bei Fair-Trade-Produkten, meint er und schränkt ein, dass ein derartiger Wunsch wohl nicht in Erfüllung gehen werde, da die künftige ISO 26000 als reiner Leitfaden konzipiert sei und keine Zertifizierung vorsehe. Ähnlich wie der Ethiktest, den Spitalsky beim VKI ins Leben gerufen hat, müsse die ISO 26000 nach seiner Ansicht folgende Punkte enthalten: Soziales - worunter generell der Umgang mit den Beschäftigten subsumiert wird -, Ökologie und Verhalten gegenüber den Kunden.

Haltung - nicht Zwang

Soziale und ökologische Verantwortung sei eine Haltung und dürfe nicht zu einem Zwang werden, meint die gesellschaftspolitische Expertin der Österreichischen Industriellenvereinigung IV, Mag. Marie Löwy-Harmer. In Österreich sei gesellschaftlich verantwortungsvolles Handeln der Industrie bereits eine Selbstverständlichkeit, es brauche daher keine Norm, meint sie und verweist darauf, dass die Industriellenvereinigung dem Thema schon seit Jahren große Aufmerksamkeit widme. Die IV engagiere sich gerne in dem Prozess zur Schaffung eines inhaltlichen Standards für Social Responsibility, auch wenn sie eine verbindliche Norm ablehnt: "Wir wollen keinen Zwang, sondern Guidelines, denn je mehr man festschreibt, desto komplizierter wird es", so Löwy-Harmer. Social Responsibility sei ein sehr lebendiger Prozess, "in dem vieles auch von selbst passiert". Normen, die allen erklären wollten, wie es gehe, könnten vielleicht sogar kontraproduktiv sein, meint die Expertin der IV. Auf internationaler Ebene sei ein solcher ISO-Standard für soziale Verantwortung aber durchaus sinnvoll, sollte sich aber nicht nur auf das Thema Umwelt konzentrieren, sondern den Fokus auch auf andere Themen, wie etwa die Integration von Ausländern, richten.

Gewissheit für Konsumenten

Konsumenten sollen die Gewissheit haben, dass, wo Social Responsibility draufsteht, auch Social Responsibility drinnen ist, meint Stefan Kerl von Südwind Österreich und Projektleiter der Clean-Clothes-Kampagne. Die ISO 26000 könne im Bereich der Wertschöpfungskette der Zulieferbetriebe in der so genannten Dritten Welt unterstützend wirken, indem sie für zusätzlichen Druck sorge und eine gewisse Grundlage vorgebe, die den Konsumenten Sicherheit gebe. Das Konzept der Social Responsibility müsse über die gesetzlichen Rahmen und den Rahmen der internationalen Konventionen hinausgehen. Im derzeitigen Entwurf sei das aber noch eher umstritten, meint Kerl: "Für uns ist das Wichtigste, dass es nicht zu einer Unterminierung bestehender Arbeitsgesetze kommt und die Mindeststandards der ILO (International Labour Organization) anerkannt werden."

Offener Dialogprozess

Zentraler Punkt für Dr. Wolfram Tertschnig, Leiter der Abteilung II/3 für Nachhaltige Entwicklung und Umweltförderpolitik im österreichischen Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, ist, dass die ISO 26000 für alle Institutionen gilt - nicht nur für Unternehmen, auch wenn die Zielgruppe zu rund 95 Prozent aus der Privatwirtschaft kommen wird: "Aus diesem Bereich kommt die Debatte und dort - wenn auch nicht nur dort - ist sie ganz wesentlich zu führen." Weiteres sollte mit dieser Norm wirklich klar gemacht werden, dass gesellschaftliche Verantwortung von Institutionen nichts ist, was sich hinter geschlossenen Türen abspielt, sondern dass es ein offener, dialogischer Prozess sein muss, der Arbeitnehmer und Stakeholder ebenso integriert wie die großen Bezugsgruppen von Unternehmen. Gesellschaftliche Verantwortung müsse sich außerdem auch messen lassen. Daher sei es notwendig, Routinen und Maßstäbe aufzuzeigen, die es erleichtern, die Erfüllung solcher Ansprüche zu bewerten.

Politische Materie und Investition

Für Mag. Martin Neureiter, Vorsitzender des ON-Komitees ON-K 251 "Corporate Social Responsibility" (der österreichische Spiegelausschuss zur ISO Working Group), hat die Entwicklung des Standards ISO 26000 durchaus politische Dimensionen. Neureiter: "Natürlich ist das eine sehr politische Materie und keine technische Norm. Hier gibt es stark politische Elemente - was z. B. das Vorgehen in Entwicklungsländern betrifft oder die Anhebung von Sozialstandards in China." Aber selbst in Österreich gerate man dabei in politische Diskussionen, etwa zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Es gehe nicht darum, ein Korsett für soziale, ökologische oder gesellschaftliche Verantwortung zu schaffen: "ISO 26000 wird ja ein ,Guidance Standard', der Organisationen dabei unterstützt, zu erkennen, was soziale Verantwortung überhaupt ist, welche Themen damit erfasst sind und wie sich das umsetzen lässt, wobei Neureiter auch die Kostenfrage anspricht. Es sei ein Missverständnis, dass Social Responsibility etwas koste. Man müsse das als Investition sehen, die auf ein besseres Ergebnis abziele: "Ich investiere, damit es meinen Mitarbeitern besser geht und ich höhere Produktivität erziele. Ich schaffe sozial verantwortlich hergestellte Produkte, kann daher einen bestimmten Markt bedienen, einen höheren Preis erzielen und insgesamt ein besseres Geschäft machen!"

"Instrument zur Verbesserung der Welt"

Univ.Doz. Mag. Dr. Christine Jasch, Gründerin und Leiterin des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung, meint, die geplante ISO 26000 werde durchaus so etwas wie ein "Instrument zur Verbesserung der Welt" sein, wenngleich kein Instrument, das innerbetrieblich sofort angewendet werden könne. Jasch wörtlich: "Das ist ein bisschen wie die zehn Gebote!" Ein Manko des Dokuments sieht sie - vor dem Hintergrund ihrer langjährigen Mitarbeit an der Normenserie ISO 14000 zum Umweltmanagementsystem - darin, dass die ISO 26000 keine zertifizierungsfähige Norm, sondern lediglich ein Leitfaden sein wird. Wesentlich aber sei auf jeden Fall die Entstehungsgeschichte dieser Norm: "Das Großartige an dem Prozess ist, dass die ISO 26000 das erste Normvorhaben ist, bei dem es einen wirklich strukturieren Prozess gibt, in dem die unterschiedlichen Stakeholder eindeutig definiert sind."
 
Quelle: pts

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