19.10.2018

10.08.2018

Biodiversität

Kleine Biotope zwischen Wolkenkratzern und Maschinenpark

Außenfassaden, Dächer und Grundstücksflächen von Firmen erweisen sich überraschend oft als kleine Biotopinseln für Vögel und Insekten. Durch gezielte Maßnahmen versuchen manche Unternehmen, die „wilde“ Natur auf ihrem Firmengelände zu fördern. Manchmal kommt die Natur aber auch von allein ins Bankenviertel oder Industriegebiet.

Kleine Biotope zwischen Wolkenkratzern und Maschinenpark

Von Andreas Scholz 

Der größte Gegner der Planer des Bahnprojekts „Stuttgart21“ ist gerade einmal drei Zentimeter lang, hat sechs Beine und einen ziemlich dicken Kopf. Die Rede ist vom seltenen und daher geschützten Juchtenkäfer. Einen Dickkopf hatten auch die, die sich für oder gegen seine Baum-Zuhause am Stuttgarter Bahnhof einsetzten. Was folgte, war eine Geschichte über den normalen Wahnsinn bei der Planung eines Großprojekts.

Eine der Lehren aus dem Streit um den Bau von „Stuttgart21“ ist: Heutzutage müssen Politiker und Firmen mit gestiegenem Flächenanspruch häufig für ökologische Ausgleichsmaßnahmen sorgen. Neben dem starken Flächenverbrauch sorgt eine weitere Entwicklung dafür, dass die Lebensräume für Tiere und Pflanzen im 21. Jahrhundert knapper werden. In einer monotonen Landwirtschaft finden Vögel und Insekten nämlich immer weniger Nahrung. Daher ziehen sie auf ihrer Suche nach Futter immer öfter in unsere Städte – in manchen Regionen schweben heutzutage teilweise mehr Bienen und Insekten in den urbanen Ballungsgebieten durch die Lüfte als im ländlichen Raum.

Vor dem Hintergrund des Klimawandels und des schleichenden Rückgangs der Artenvielfalt setzt aber langsam ein allgemeines Umdenken statt. Nicht nur kleine Betriebe auf der grünen Wiese, sondern auch große Industrie- und Dienstleistungsunternehmen wollen durch ökologische Ausgleichsmaßnahmen oder umweltfreundliche Betriebsgelände der Natur etwas zurückgeben.

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Schwaben sind Vorreiter

Eine Vorreiterrolle im Umweltschutz nimmt das Bundesland Baden-Württemberg ein. Für Firmen aus dem „Ländle“ hat die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) schon vor Jahren einen Leitfaden für ein naturnahes Betriebsgelände entwickelt: Unternehmen, die im Einklang mit der Natur leben möchten, erhalten Tipps, wie sich naturnahe Außenanlagen realisieren lassen.

Dass eine moderne Gebäudegestaltung und Artenvielfalt sich nicht ausschließen, zeigt etwa die Unternehmenszentrale von GETRAG in Untergruppenbach am Fuße der Löwensteiner Berge. Der Antriebsspezialist GETRAG verschreibt sich bereits seit geraumer Zeit den Nachhaltigkeitsgedanken. „Beim Thema Nachhaltigkeit sind wir der Überzeugung, dass nur bei einem Gleichgewicht von Umwelt, Ökonomie und Gesellschaft unser Anspruch erfüllt werden kann“, erklärt Bo Zhang, Specialist Internal und External Communications.

Impressionen vom GETRAG-Gelände

Das GETRAG Gebäude steht mit fast 14.000 Quadratmetern Grundfläche aufgrund der besonderen Geologie auf 550 Pfählen, die aneinandergereiht eine Länge von 5.300 Metern hätten. „Wir haben der Natur Fläche weggenommen, diese aber in Form von begrünten Dachflächen und 4.500 Quadratmetern Wasserfläche zurückgegeben und damit höchste biologische Vielfalt ermöglicht“, erklärt Zhang.

Aus der Vogelperspektive sehen die Gründächer aus wie Wiesen und Felder. Der Unternehmenshauptsitz ist eines der ersten Gebäude weltweit, das in derart hohem Maß Regenwasser im Sanitärbereich und als Löschwasser nutzt. „Fische, Seerosen sowie viele weitere Tiere und Pflanzen finden rund um das Gebäude ein Zuhause“, erläutert Zhang. Regelmäßig findet für Mitarbeiter am Standort in Untergruppenbach auch eine Nachhaltigkeitswoche statt. Imker aus der Region erklären dann anhand von Bienenschaukästen am See hinterm hohen Schilf die hohe ökologische und ökonomische Bedeutung der Honigbiene.

Dachbegrünung spart Geld

Doch nicht nur auf den Gründächern von GETRAG in Untergruppenbach finden Honigbienen, Wildbienen und Schmetterlinge dank Dachpflanzen wie Mauerpfeffer und Co. einen reich gedeckten Tisch vor. Nur von der Dachterrasse des Sudhauses in Schwäbisch Hall wird sichtbar, dass es auch auf dem Dach der direkt gegenüberliegenden Kunsthalle Würth „bunt“ zugeht.

Die Kunsthalle Würth wurde 2001 von dem bekannten Unternehmer und Kunstmäzen Reinhold Würth in Schwäbisch Hall gegründet. Vordergründig zur Wärmedämmung angelegt, entpuppen sich die Salbei- und Mauerpfefferkolonien auf dem Dach der Kunsthalle als wahre Insektenweiden und stehen in ihrer Farbenpracht den Meisterwerken ein Stockwerk tiefer in nichts nach.

Der Trend zum Gründach nimmt bei großen Industrieunternehmen zu. Denn: mit einem durchdachten Regenwassermanagement können Firmen zudem hohe Gebühren für Abwasser sparen. Gründächer wirken sich durch ihre wärmedämmenden Fähigkeiten positiv auf die Energiebilanz aus. Dass Schmetterlinge und Bienen sich auf den Gründächern wohl fühlen, ist ein schöner Nebeneffekt.

Das Dach der Kunsthalle Würth.
Das Dach der Kunsthalle Würth.

Bagger als Brutplatz

Ein Firmengelände kann jedoch nicht nur Schmetterlingen oder Bienen als ökologische Nische dienen. Neue Lebensräume im urbanen Raum hat sich ebenfalls der Wanderfalke erobert. Von seinen einstigen Nistplätzen in Steinbrüchen weicht der Wanderfalke als Kulturfolger inzwischen auf Hochhäuser, Kraftwerke, Brückenpfeiler oder Fernsehtürme als künstliche Ersatzfelsen aus. Im Tagebau Hambach der RWE Power AG brütet der Wanderfalke seit Jahren regelmäßig auf fahrbaren Baggern!

Auch an der Außenfassade des Kraftwerks in Gommersdorf hat der Wanderfalke schon seine Jungen großgezogen. Die RWE Power AG arbeitet in Nordrhein-Westfalen eng mit lokalen Naturschutzgruppen und Greifvogelexperten zusammen. Der Energiedienstleister hat extra eine Forschungsstelle zur Rekultivierung von einstigen Braunkohletagebauen gegründet. Wo einst die Braunkohlebagger rollten, um die oft kritisierte Energieressource zu fördern, gibt es inzwischen seltene Orchideen und Libellen.

Einen ungewöhnlichen Nistplatz sucht sich seit mehr als zehn Jahren auch ein Wanderfalkenpärchen in Frankfurt am Main aus. Auf dem 285 Meter hohen Commerzbank-Tower in der Bankenmetropole erblicken jedes Jahr ein paar Jungfalken das Licht der Welt. Der Finanzdienstleister lässt den Wanderfalken gewähren und sorgt dafür, dass während der Aufzucht der Jungen keine Wartungsarbeiten auf dem Dach durchgeführt werden. Nur lokale Naturschutzgruppen dürfen in der Brutphase aufs Dach.

Naturnahe Betriebsgelände sind langfristige Projekte, bei denen Firmen oft Hand in Hand mit lokalen Naturschutzorganisationen sowie Landschaftsarchitekten und -gärtnern zusammenarbeiten. Der Artenreichtum auf dem Betriebsgelände nimmt sogar noch zu, wenn eine Verwilderung teilweise zugelassen wird. Ein weiteres Kooperationsbeispiel für gelebten Artenschutz liefert der Steinbruch der HeidelbergCement AG in Nußloch. Der seltene Bienenfresser gräbt hier seit mehreren Jahren wieder seine Brutröhren in die Abbruchkanten. Während der Brutzeit des schillernden „Paradiesvogels“ erhält die örtliche NABU-Gruppe von HeidelbergCement ein exklusives Zugangsrecht zum Steinbruch.

Ein Nistkasten wird auf dem Golfplatz in Friedrichsruhe angebracht.
Ein Nistkasten wird auf dem Golfplatz in Friedrichsruhe angebracht.

Singvögel auf Golfplätzen kein Handicap 

Dass ökologische Vielfalt auf gepflegtem Rasengrün möglich ist, zeigt sich auch auf dem Golfplatz in Friedrichsruhe. Die Geschäftsleitung des Golf-Clubs Heilbronn-Hohenlohe hatte nichts dagegen, als Jürgen Laucher zusammen mit seinen Kollegen vom NABU Öhringen im März 2018 erstmals Nistkästen auf dem Golfgelände aufstellte.

Die Idee, das Golfgrün mit Nistkästen für heimische Singvögel zu bestücken, kam Jürgen Laucher beim Golfspielen. „Die Landschaft hier auf dem Golfplatz in Friedrichsruhe ist sehr vielseitig. Es gibt viele alte Bäume, mehrere Seen, offene Flächen und kleine Waldstücke“, erklärt der passionierter Hobby-Golfer. An den Seen auf dem Golfplatzgelände hat der Tierarzt im Ruhestand schon Zwergtaucher und Teichrohrsänger entdeckt. Inzwischen hängen rund 60 Nistkästen auf dem Golfplatzgelände. Jürgen Laucher hofft, dass er auf seinen ornithologischen Führungen den Besuchern zukünftig noch mehr Vogelarten zeigen kann.

Spannende Vogelbeobachtungen auf industriellem Terrain sind für Naturschützer auch in den Fabrikfilialen von Südzucker im süddeutschen Raum möglich. Wenn aus Rüben Zucker gewonnen wird, fällt massig Wasser an. Das Abwasser reinigt Südzucker in fabrikeigenen Klärteichen. Die Klärteiche locken seit vielen Jahren seltene Vogelarten an. Rund um den Klärteich in Offenau bieten regionale Naturschutzgruppen
regelmäßig ornithologische Führungen an.

Weitere Informationen

Dieser Artikel ist im Original im UmweltDialog-Magazin „Nachhaltig Bauen & Wohnen“ im Mai 2018 erschienen.

Mehr zum Thema:

UD-Banner-Nachhaltig bauen und wohnen
Quelle: UmweltDialog
 

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