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Die Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals - SDGs) greifen 17 Oberthemen auf, die bis zum Jahr 2030 von der Weltgemeinschaft angegangen werden sollen.

24.03.2016

Das Post-2015-Dilemma

Armut und Hunger beenden, Gesundheit, Gleichberechtigung verbessern. So lauten die ersten vier von 17 Zielen der sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs) für eine nachhaltige Entwicklung. Doch auf welche Post-2015 Welt trifft diese Agenda? Angesichts von Flüchtlingselend, Terror, Kriegen und Konflikten stellt sich die Frage, ob aktuell überhaupt politischer und gesellschaftlicher Raum für eine solche Nachhaltigkeits-Agenda bleibt.

Reich ist, wer weiß, dass er genug hat, lautet eine Weisheit des chinesischen Philosophen Lao-tse. Er könnte damit Urvater des Nachhaltigkeitsgedankens sein. Doch die Wirklichkeit ist eine andere: Wohlstand ist in unserer heutigen Welt kausal mit Wachstum verknüpft. Mehr haben heißt, mehr sein. Die Weltwirtschaft hat die produzierten Gütermengen daher alleine seit 1950 versechsfacht. Doch nur wenige profitieren davon: 20 Prozent der Menschheit verbrauchen weltweit 83 Prozent der globalen Ressourcen. Die 80 reichsten Menschen auf der Welt besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Menschheit. 80 versus 3.500.000.000.

Genau an dieser Stelle setzen die nachhaltigen Entwicklungsziel der Vereinten Nationen, die sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs), an: Das Maßnahmenpaket ist mit 17 Zielen und 169 Unterzielen gewaltig, das geopolitische Klima dafür derzeit eher ungünstig, und doch betonen alle Verantwortlichen, dass die weltweiten Probleme keinen weiteren Aufschub dulden. Die SDGs sind dazu mit einem riesigen Versprechen angetreten: Bis 2030 will man die großen Probleme der Welt nicht einfach nur ansprechen, sondern endlich auch substanziell angehen. Ob Klimawandel, Krankheiten oder soziale Gerechtigkeit – erstmals werden alle Länder als Entwicklungsländer betrachtet, weil bei der einen oder anderen Thematik jedes schwächelt. Das ist neu, galten Entwicklungsfragen doch bisher als Thema für arme Länder. Die Praxis gibt der UN aber recht: So zeigten die meisten OECD-Staaten beim ersten „SDG-Stresstest“ erhebliche Mängel. Die USA, Griechenland, Chile, Ungarn, die Türkei und Mexiko fielen glatt durch. Zu diesem Ergebnis kam Anfang September 2015 eine Studie der Bertelsmann Stiftung, die gerade einmal 34 der künftig 169 Indikatoren testete: „Bei vielen Indikatoren besteht die Gefahr, diese Ziele komplett zu verfehlen. Die größten Defizite weisen die Industriestaaten dabei in ihrem wenig nachhaltigen Produktions- und Konsumverhalten auf. Außerdem verschärfen ihre Wirtschaftssysteme vielfach den Trend zur sozialen Ungleichheit“, schreiben die Autoren.

Sind die 17 Oberziele mit 169 Indikatoren alltagstauglich? „169 Ziele? Das wird uns verrückt machen“, warnt der indische Entwicklungsökonom Bibek Debroy in der FAZ. „Allein die Sammlung von Daten zur Bestandsaufnahme dieser Ziele bringt arme Staaten in eine Zwangslage.“ Bei der Auswahl der Indikatoren scheint man bei der UN den Weg des geringsten Streites gegangen zu sein und hat so viele Ansprüche/Interessengruppen wie nötig bedient. Die Quantität werde sich schon in der Praxis lösen, so das politische Kalkül. Das scheint aufzugehen: Bei der ersten Geberkonferenz im Juli 2015 in Addis Abeba gab es zwar Geld für bestehende Ziele, aber keine finanziellen Zusagen für neue Ziele. Auch die Bundesregierung, die 2016 im Lichte der SDGs die eigene Nachhaltigkeitsstrategie überarbeitet, will nur einige ausgewählte, aus ihrer Sicht relevante, Indikatoren adressieren.

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Global Compact will Übersetzer sein

Bis 2030 bleibt also viel zu tun. Das umzusetzen ist nicht alleine Aufgabe der Politik, sondern alle Akteure sind gefordert. Der UN Global Compact (UNGC) als weltweit größtes Netzwerk für unternehmerische Nachhaltigkeit sieht sich dabei als Partner der SDGs. Dazu sagt die neue Global Compact Direktorin Lise Kingo: „Ich sehe als Aufgabe des Global Compact, diese Ziele in eine Unternehmenssprache zu übersetzen und mit guten Beispielen aufzuzeigen, wie andere Unternehmen sich dies bereits zunutze machen.“

Unklar bleibt an dieser UNGC-Strategie, wie Kingo mit ihrem Team den spezifischen Eigencharakter der Initiative schärfen will, und vor allem, wie sie die Ziele in die Umsetzung überführen will. Deshalb wird das UNGC-Office in New York gut beraten sein, darüber hinaus auch eine eigenständige Strategie vorzustellen, möchte man nicht als bloßer Erfüllungsgehilfe und Sidekick der SDGs dastehen. Es mangelt nämlich nicht an Ideen oder Übersetzungsbedarf, sondern an Umsetzungen. So beklagt der Nachhaltigkeitsexperte Stefan Schaltegger von der Leuphana Universität zu Recht: „Allein dadurch, dass man jetzt Ziele anders formuliert oder auch spezifiziert, ist noch nichts erreicht. Was davon in der Politik tatsächlich handlungsrelevant wird, bleibt abzuwarten.“

In jedem Fall wird Nachhaltigkeit durch die SDGs stärker als je zuvor politisiert. Die 17 Ziele sind (An-)Forderungen der Weltgemeinschaft an alle Akteure und damit auch an Unternehmen. Schon heute beobachten wir in vielen Ländern eine immer stärkere Regulierung von CSR. Aus Freiwilligkeit wird Pflicht. Das lässt sich auch an der wachsenden Bedeutung des Compliance-Themas ablesen. Damit ändert sich zugleich auch die Motivation der Akteure: An die Stelle von intrinsischem Handeln tritt immer deutlicher ein Incentiv-Modell aus Anreizen und Sanktionen.

Das Problem dabei ist, dass niemand gelernt hat, auf diese globalen Anforderungen Antworten zu geben, beklagt der renommierte Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel. In seinem neuen Buch „Hybris“ spricht er hier von einer „überforderten Gesellschaft.“ Auch Josef Wieland, Vorstand des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik (DNWE), argumentiert in die gleiche Richtung: „Aus meiner Sicht besteht die Herausforderung nicht so sehr in einem Mangel an gutem Willen, sondern der Fähigkeit, die Welt als unsere gemeinsame Welt zu verstehen, also global zu denken, globale Analysen vorzunehmen und dann auch entsprechend global zu handeln.“

Die Frage nach dem politisch Möglichen

Leben wir überhaupt in einem (geo-)politischen Umfeld, das sich an diesen UN-Werten wie den SDGs oder früher den Millennium Development Goals orientiert? Die Antwort lautet: leider nein. Schon seit Jahren erleben wir vielmehr ein Scheitern des Multilateralismus. UN-Klimakonferenzen sind eindringliche Beispiele für die mangelnde Bereitschaft auf internationaler Ebene zu Solidarität und Zusammenarbeit. Das ist sicher nicht die Antwort, die man angesichts von Problemen wie dem Klimawandel hören möchte, aber „Politik ist die Kunst des Möglichen“. Das wusste schon Otto von Bismarck. Für ein konsensualistisches Politikmodell, wie es die UN vertritt, gibt es derzeit nur schwindende Unterstützung. Und das hat natürlich auch unmittelbare Auswirkungen bis hin zur Flüchtlingskrise. Kanzleramtsminister und Flüchtlingskoordinator Peter Altmaier sagt: „Die Abwesenheit von nachhaltiger Politik hat dazu geführt, dass Hunderttausende von Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung keine Bleibe-Perspektive sehen.“

Wir erleben derzeit eine neue Phase der Globalisierung. Längst geht es nicht mehr nur um grenzenlose Waren-, Arbeits- oder Kapitalmärkte. Das kennen wir seit 1990, und die Anti-Globalisierungsbewegung arbeitet sich daran routiniert ab. Neu ist, dass die Welt in den letzten Jahrzehnten „kleiner“ geworden ist: Dank Internet und moderner Mobilität liegen alle Probleme direkt um die „Ecke“. Dadurch kommt in wachsendem Maße die Globalisierung von (Flüchtlings-)Krisen, Krankheiten wie Ebola und religiösen und politischen Konflikten (z.B. IS-Terror) hinzu.

Wir erleben also auf der einen Seite das Verschwinden von Distanz/Entfernung: Das gilt für Märkte, Flüchtlinge, Konflikte, Kapitalströme. Und auf der anderen Seite beobachten wir zur gleichen Zeit das Verschwinden von Gemeinsamkeiten und Empathie sowie Privatheit.

Wachsende Wohlstandsschere: Die Armut in Deutschland hat nach Angaben des Paritätischen Gesamtverbandes in 2015 mit einer Armutsquote von 15,5 Prozent ein neues Rekordhoch erreicht und umfasst rund 12,5 Millionen Menschen. Das betrifft längst nicht mehr nur klassische Bildungsverlierer, wie eine aktuelle Studie zeigt. „Für den Mittelstand haben sich die Aufstiegschancen verringert, die Abstiegsrisiken haben zugenommen“, sagte Studienautorin Dorothee Spannagel von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Deutschland zählt hier übrigens laut OECD zu den Ländern mit der ungerechtesten Vermögensverteilung.

Verschwinden der Privatsphäre: Große Konzerne drängen auf immer allumfassendere Wertschöpfungskonzepte durch Digitalisierung (v.a. sind dies die Silicon Valley-Giganten wie Apple, Google, Facebook und Microsoft). Damit dringen sie immer tiefer in unsere (private) Lebenswelt ein. Der Konsument ist längst nicht mehr nur gläsern, er ist vorhersagbar – und damit prinzipiell steuerbar. Big Data bietet Chancen und Komfort, aber jede Medaille hat immer zwei Seiten.

Rückwärtsgewandte Politik „en vogue“

Wie reagieren Politik und Gesellschaften auf diese Entwicklungen und vor allem auf die Globalisierung der Krisen? Durch Abkapseln. Je nach gesellschaftlicher Ausgangslage zeigt sich das in vier Ausprägungen:

Politische Abschottung: „Das Boot ist voll“, lautet Parole von Politikern wie etwa Trump in den USA bis Orban in Ungarn.

Rassismus/ethnische Abschottung: Von Pegida bis Le Pen – mit ihrem Gesäusel vom Untergang des Abendlandes schüren sie nur Ängste und bereiten den Boden für Rassisten.

Fundamentalismus/religiöse Abschottung: Dafür stehen vor allem der IS-Terror, Salafisten und andere Islamisten, aber auch die evangelikalen Kreationisten in den USA untergraben auf ihre Art genauso alles Denken seit der Renaissance.

Nationalismus/Autokratie: Das beschreibt in vielen Ländern die Sehnsucht nach der strengen Vaterfigur, sei es Putin in Russland, Sissi in Ägypten oder Erdogan in der Türkei. Im Chaos sieht man Sicherheit bei jemandem, der „weiß, was zu tun ist.“

In all diesen Fällen handelt es sich um eine rückwärtsgewandte Sicht. Allem wohnt die Sehnsucht inne, dass es früher besser war, und man deshalb dahin zurück will. Das Morgen, die Zukunft als Gesellschaftskonzept, steckt voller Gefahren, nicht Chancen. Das Glas ist stets halb leer. Der Verlust an Utopien gilt vielen daher als guter Politikstil – pragmatisch, nüchtern, sachlich. Das Blöde daran ist nur: Wer immer nur auf Sicht fährt, fährt ohne Weitsicht.

Tendenz zu Echokammern

Wo ist der Bezug zu den SDGs? Genau an dieser Stelle verläuft aus meiner Sicht eine zentrale Sollbruchstelle. Die SDGs sind zukunftsgerichtet. Sie stehen für die Agenda 2030. Aber der politische Diskus ist derzeit eher rückwärtsgerichtet. Das passt erst mal nicht zusammen, und ohne auf diesen Zielkonflikt einzugehen, sind die SDGs zum Scheitern verdammt. Wer Nachhaltigkeitsziele diskutieren will, muss daher viel stärker politisch argumentieren. Und wer politisch diskutiert, muss viel stärker über unseren „Gesellschaftsvertrag“ reflektieren statt nur Details abzuarbeiten. Nur wenn wir hier Brücken bauen, überwinden wir eine derzeitige Tendenz hin zu „Echokammern“. Diese beschreiben das Risiko, sich in einer reinen Zustimmungsumgebung zu befinden, in der es keine gegensätzlichen Meinungen gibt. Wer schon einmal auf einer CSR-Konferenz war, kennt die Erfahrung einer kompletten Zustimmungsumgebung, wo alle um den Klimawandel oder die vielen anderen Entwicklungsziele wissen. Nur außerhalb dieser Echokammer wird daraus noch lange keine Handlung. Peter Altmaier erinnerte anlässlich des Nachhaltigkeitsdialogs in Berlin daran, dass die Antworten darauf auch eine Frage des politisches Streites sind: „Wir befinden uns in einer Situation, die ambitioniert ist, weil es bei Themen wie dem Klimaschutz eben nicht nur um gute und wohlgemeinte Erklärungen geht, sondern auch um knallharte Wachstumschancen und Perspektiven, um Kosten sowie Vorteile und Nachteile im internationalen Wettbewerb.“

Welche Rolle spielen Unternehmen?

Lise Kingo ist zuversichtlich, dass zumindest die Unternehmen im Global Compact hier einen positiven Beitrag leisten können. Kingo sagt: „Wir müssen uns stets ins Gedächtnis rufen, dass viele Unternehmen heutzutage gerne verantwortungsbewusst handeln. Sie möchten einen Unterschied machen und sehen Wirtschaft als eine Kraft für Gutes. Dennoch muss in allem, was sie tun, auch ein funktionierendes Geschäftsmodell sein.“ Diese Art von intrinsischer Motivation ist real, sollte aber nicht überbewertet werden: Jeder Handlung liegt eine Motivation zugrunde, aber nicht jede Motivation wird auch in Handlungen übersetzt. Hinzu kommt, dass Wirtschaft nicht politische Verpflichtungen ersetzen kann. Dazu Josef Wieland: „Wir müssen im Auge behalten, dass Unternehmen private Akteure sind und deshalb nicht ohne Weiteres mit öffentlichem Interesse gleichzusetzen sind. Ich würde da auch nichts überhöhen. Wenn wir Adam Smith richtig verstehen, war seine Idee der „Invisible Hand“, dass Marktteilnehmer, gleichwohl und indem sie private Interessen verfolgen, dem öffentlichen Wohl dienen.“

Gelingen wird dies aber nicht mit „Business as usual“. Man muss dazu das eingangs skizzierte Junktim aus Wohlstand und Wachstum hinterfragen. Nachhaltige Geschäftsmodelle sind am Ende des Tages immer Modelle, die Wertschöpfung über Qualität und nicht alleine Quantität erzielen. Stefan Schaltegger bringt dies auf den Punkt, wenn er sagt: „Nachhaltigkeitsmanager müssen ein Verständnis dafür entwickeln, wie sie dieses Geschäftsmodell so ändern, dass nicht nur der Verkauf im Vordergrund steht, sondern andere Wege wie zum Beispiel Produkt-Dienstleistungs-Kombinationen entwickelt werden, die das zugrunde liegende (Mobilitäts-)bedürfnis genauso erfüllen. Hierbei helfen die SDGs bewusst zu machen, was die zentralen gesellschaftlichen Probleme sind, die es zu meistern gilt.“

Dieser Beitrag erschien im Original im Jahrbuch Global Compact Deutschland 2015.

 
Quelle: UmweltDialog

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