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03.03.2016

Warum wir uns heute so schwer tun, Grenzen zu ziehen

Der ewige Streit über Obergrenzen ist ein Signal, dass dem Krisenmanagement nach wie vor der klare Rahmen fehlt, was unser Land genau stemmen soll, warnt Horst von Buttlar, Chefredakteur von „Capital“. Warum wir uns heute so schwer tun, Grenzen zu ziehen und Unterscheidungen zu treffen?

In ihrem Beitrag „Krisen und Grenzen" verweist die Chefredakteurin der WirtschaftsWoche, Miriam Meckel, darauf, dass die Obergrenze für die Integration von Flüchtlingen in Deutschland dann erreicht wäre, „wenn das Land sich so weit veränderte, dass es sich selbst nicht mehr ähnlich wäre. So weit sind wir noch lange nicht. Und das will auch niemand. Aber wir müssen diese Grenze, ab der Deutschland ein anderes Land wäre, diskutieren." (WirtschaftsWoche 43, 16.10.2015) Dabei muss Kritik erlaubt sein.

Wir tun uns oft schon im Denken schwer, Grenzen zu ziehen, denn das bedeutet, etwas auszuschließen, zuweilen auch Nein zu sagen. Und wenn wir es tun, „sei es in der Wirklichkeit, sei es im Denken, gilt es als unfein", bestätigt Konrad Paul Liessmann, Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien.

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In seinem bereits 2012 erschienen Buch „Lob der Grenze" beschreibt er, dass der Zeitgeist der Globalisierung Grenzen überschreiten und beseitigen will, aber die Funktion und Möglichkeiten von Grenzen sowie die Bedeutung, die diese für die Analyse und Bewältigung von Krisen einnehmen, nicht berücksichtigt.

Es lohnt sich deshalb, unbedingt darüber nachzudenken, wie alles begann, wann, wo und warum erste Grenzen gezogen werden mussten, unter welchen Bedingungen Grenzen aufgehoben oder überschritten wurden, wer durch Grenzen ausgeschlossen, aber unter Umständen auch geschützt werden konnte - vor allem aber „entlang welcher Bruchlinien im Denken und in der Wirklichkeit die Grenzen unserer Tage verlaufen".

Auch Nachhaltigkeit braucht Grenzziehungen

Konrad Paul Liessmann lenkt den Blick auch auf ein Thema, das für viele allerdings mit einem faden Beigeschmack verbunden ist: Dass der aus der Forstwirtschaft stammende Begriff „Nachhaltigkeit" weder provoziert noch aufregt, weil er keinen Unterschied markiert und keine Schärfe hat.

Natürlich hat er gegen ein Wirtschaftssystem, das nicht mehr Ressourcen verbraucht, als es auch erneuern kann, nichts einzuwenden. Aber genau darin liegt für ihn das Problem:

„Ein Prinzip, zu dem sich nahezu alle Staaten und alle politischen Parteien dieser Erde ohne größere Vorbehalte bekennen, ist entweder eine nichtssagende Selbstverständlichkeit oder eine gut klingende Phrase."

Die unattraktive Wirkung des Begriffs hat für ihn auch mit Traditionen zu tun, die viele als starr, unmodern, unbeweglich und unzeitgemäß empfinden:

„Man muss diesem Widerspruch ins Auge sehen, wenn man wissen will, warum in einer dynamischen, alle Kontinuitäten auflösenden Welt Nachhaltigkeit zu einer Phrase werden musste."

Allerdings sind seine Ausführungen auch nicht hoffnungslos: Wie viele Engagierte bricht er den Begriff auf Einzelthemen herunter, die getrennt nebeneinander stehen und dadurch dem Gesamtthema eine neue Dimension und Bedeutung geben.

Dazu gehört beispielsweise das Ehrenamt, das mit Tätigkeiten verbunden ist, die dem alten Begriff der Praxis entsprechen: Es sind soziale und kommunikative freiwillige Aktivitäten, in denen es um gelebte Gemeinschaft geht.

Wer sich heute mit Kritik und Krise beschäftigt, kommt nicht umhin, auch den Begriff der Nachhaltigkeit zu berücksichtigen. „Nachhalt" ist das, „woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält." Der Satz von Joachim Heinrich Campe, erschienen 1807 im Wörterbuch der deutschen Sprache, verweist darauf, dass Nachhaltigkeit vor allem ein Begriff der Krise ist.

Literaturempfehlung:

Konrad Paul Liebmann: Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012.


 

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