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Dienstag, 06.Dezember 2016
Taktgeber für Arbeitsplatzergonomie in der Industrie zoom
Auf der Ergonomie-Messe demonstrieren Mitarbeiterinnen von Audi Hungaria in Györ eine dort entwickelte Rollenbahn, mit der schwere Werkstücke wie das Zylinderkurbelgehäuse (ca. 30 kg) ganz leicht aufgestellt und gedreht werden können, ohne das Teil anheben zu müssen.

08.04.2015

Taktgeber für Arbeitsplatzergonomie in der Industrie

Die Gesellschaft in Deutschland befindet sich in einem rapiden demografischen Wandel, der Anteil der älteren Menschen steigt immer weiter. Derzeit bilden die 40- bis 49-Jährigen bei der AUDI AG mit zirka 32 Prozent die größte Gruppe in der Belegschaft. Schon in wenigen Jahren jedoch werden die 50- bis 59-Jährigen dominieren, und der Anteil der über 60-Jährigen wird auf etwa 13 Prozent steigen.

Von Dr. Peter F. Tropschuh und Birgit Horn

Audi hat sich das Ziel gesteckt, bis 2020 das Unternehmen mit den attraktivsten und produktivsten Arbeitsplätzen zu sein. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der weitgreifenden Veränderungen in der Arbeitswelt kann dieses Ziel nur erreicht werden, wenn die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der Mitarbeiter über das gesamte Erwerbsleben erhalten bleibt. Hierfür hat Audi die Ergonomie-Strategie „Wir für uns. Aktiv in die Zukunft.“ mit fünf Handlungsfeldern entwickelt: ganzheitliche Ergonomie-Methoden, intelligente Arbeitsorganisation, Ergonomie im Produktprozess, Internationalisierung und begleitende Kommunikation.

Ganzheitlichkeit Ergonomie-Methoden

In einer ganzheitlichen Betrachtungsweise sollen sowohl der Erhalt der körperlichen Gesundheit als auch das psychische Wohlbefinden der Mitarbeiter gleichrangleichrangig nebeneinander stehen. Dazu müssen viele Umfeldfaktoren von Arbeit betrachtet werden. Da die Bedeutung psychischer Erkrankungen in der Gesellschaft zunimmt, müssen Unternehmen in Zukunft Wege finden, psychischen Erkrankungen entgegenzuwirken und das Augenmerk auch auf das Wohlbefinden des Beschäftigten bei seiner Arbeit zu legen. Denn wer seinen Aufgaben mit Freude und Begeisterung nachgeht und sich bei seiner Arbeit wohlfühlt, ist seltener psychisch krank. Neben eher abstrakt klingenden Faktoren wie Komplexität der Arbeit und Kommunikationsverhalten sind auch ganz praktische Themen in einer ganzheitlichen Bewertung wichtig: Für das Wohlbefinden der Mitarbeiter spielen auch die Lichtverhältnisse eine Rolle. Um optimale Lichtverhältnisse zu gewährleisten, wurde beispielsweise die Nordwand des neuen Karosseriebaus für den Audi A3 am Standort Ingolstadt größtenteils verglast. Zusätzlich tauchen 3.000 tageslichtgesteuerte Leuchten die Halle, in der etwa 800 Beschäftigte arbeiten, in angenehmes Licht. Ein kleiner Dachgarten lädt zur Entspannung bei Tageslicht ein. Auch das Abluft- und Belüftungssystem setzt Maßstäbe: Alle Arbeitsschritte, bei denen Gase entstehen, werden von Robotern in geschlossenen Zellen ausgeführt. Zudem tauscht die Belüftungsanlage pro Stunde 1,6 Millionen Kubikmeter Luft aus.

Intelligente Arbeitsorganisation

In der Fertigung bei Audi ist vor über 20 Jahren das Prinzip der Gruppenarbeit etabliert worden. Zentraler Bestandteil der Gruppenarbeit ist dabei das Rotationsprinzip, d.h. alle zwei Stunden wechseln die Mitarbeiter ihre Tätigkeiten. Um bei der Gruppenarbeit in Zukunft das Thema Ergonomie noch stärker zu berücksichtigen, werden zur Zeit mehrere Ansätze verfolgt. Ein Ziel ist, eine belastungsoptimale Rotation, die sich an arbeitsmedizinischen Kriterien orientiert, zu ermöglichen. Denn Rotation macht ergonomisch nur dann Sinn, wenn die Belastung auf wechselnde Körperregionen wirkt. Das Konzept wird qualifikatorische und soziodemografische Faktoren berücksichtigen, etwa Tätigkeiten für leistungsgewandelte Kollegen.

Eine neue Generation des ergonomischen Montagesitzes macht in Ingolstadt Schule. Mit dem Sitz fährt der Mitarbeiter noch müheloser in den Innenraum des Autos, um so in entspannter Haltung Montagearbeiten durchzuführen. Hier eine Demonstration am Ausstellungsstand.
Eine neue Generation des ergonomischen Montagesitzes macht in Ingolstadt Schule. Mit dem Sitz fährt der Mitarbeiter noch müheloser in den Innenraum des Autos, um so in entspannter Haltung Montagearbeiten durchzuführen. Hier eine Demonstration am Ausstellungsstand.

Ergonomie im Produktprozess

Bei Audi findet die Ergonomie schon bei der Konzept- und Bauteilentwicklung im Produktprozess Berücksichtigung. Bereits nach der Konstruktion der ersten Bauteile nutzen die Ingenieure vielfach Hightech-Tools wie die sogenannte Cave, ein Virtual-Reality-System, mit dem sich Einbau- und Montageprozesse im dreidimensionalen Raum simulieren lassen. Die ständig wachsende Komplexität der Modelle führt jedoch dazu, dass es immer wieder neue Herausforderungen zu lösen gibt. Beispielsweise die Frage, wie hoch die Kräfte sein dürfen, die der Mitarbeiter beim Einbau des Clips für die Sonnenblende am A3-Montageband aufbringen muss, ohne dass ein Risiko einer Erkrankung entsteht. Um diesen Prozess noch nachhaltiger zu gestalten, wird Audi bereits im Rahmen der Bauteilkonstruktion ergonomische Kriterien bewertbar machen. Derzeit wird hierfür ein Kennzahlensystem entwickelt, das zu einer weiteren kontinuierlichen Verbesserung des Audi-Standards beitragen wird.

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Internationalisierung

Um das hohe Qualitätsniveau in der Produktion global sicherzustellen, müssen auch in Sachen Ergonomie weltweit die gleichen Standards etabliert werden. Hierfür ist der Aufbau eines weltweiten Ergonomie-Netzwerks erforderlich. Konkret geht es darum, an den ausländischen Standorten Fachleute auszuwählen und zu schulen, die das Thema Ergonomie etablieren und leben. Die Aufgaben sind vielfältig: Beispielsweise haben Menschen in Mexiko, wo Audi derzeit eine neue Fertigungsstätte aufbaut, eine andere durchschnittliche Körpergröße als in Mitteleuropa. Das macht es notwendig, die für Europa gesetzten Standards, beispielsweise für die Höhe von Regalen, entsprechend anzupassen. Weltweit Audi Premium-Qualität sicherzustellen, gelingt nur mit Arbeitsbedingungen auf hohem Standard. Ein niedrigeres Lohnniveau und die Verfügbarkeit junger Arbeitskräfte bedeuten nicht, dass mit der Ressource Mensch weniger sorgsam umgegangen werden darf. Der Mensch steht im Mittelpunkt, egal ob in Ingolstadt, Neckarsulm, im mexikanischen San José Chiapa oder im ungarischen Györ.

Beim Aufbau des weltweiten Ergonomie- Netzwerks müssen auch die unterschiedlichen Rechtssysteme der Länder beachtet werden. So soll in Györ nun ein Analyseinstrument installiert werden, dass in Deutschland unter dem Namen Arbeitsplatz-Strukturanalyse (APSA) etabliert und bewährt ist. Mit deren Hilfe werden die körperlichen Belastungen an den Arbeitsplätzen in der Produktion analysiert und bewertet. Das sind zum einen Aspekte der Lastenhandhabung, der Körperkräfte und der Zwangshaltungen. Zum anderen werden bei der Analyse aber auch sogenannte ‚Allgemeine Kriterien‘ wie Taktbindung, Steh- oder Sitzarbeitsplatz erfasst, um das Anforderungsprofil eines Arbeitsplatzes vollständig zu beschreiben. Diese Kriterien sind so abgestimmt, dass Audi-Werkärzte sie mit ihren Kriterien der arbeitsmedizinischen Beurteilung abgleichen und so direkt prüfen können, an welchen Arbeitsplätzen ein Mitarbeiter mit einer bestimmten Diagnose noch einsetzbar ist oder nicht.

Das Gesundheitswesen am ungarischen Audi-Standort in Györ und die Kollegen aus Ingolstadt sind derzeit dabei, die in Ungarn üblichen Einstufungen der arbeitsmedizinischen Untersuchungen, auf der Grundlage der dortigen gesetzlichen Regelungen, den Kriterien der Arbeitsplatzbewertung der APSA zuzuordnen. Sobald alle Kategorien zugeordnet sind, können die Kollegen in Ungarn ebenfalls direkt prüfen, welche Arbeitsplätze für einen Mitarbeiter mit einer bestimmten Diagnose nach ungarischem Standard geeignet sind und welche nicht.

Im Original ist der Text im Jahrbuch "Global Compact Deutschland 2014" erschienen.

 
Quelle: UD/cp

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